«Ich bin keine Traviata»

Seit sie vor drei Jahren in Santa Fé als Violetta debütierte, ist Natalie Dessay weltweit gefragt, wenn es Verdis tragische Heroine prominent zu besetzen gilt. Gerade erst hat die französische Sopranistin die Partie wieder an der Met gesungen. Doch (nicht nur) dieser Erfolg ist teuer erkauft: Über jedem Auftritt schwebt die Sorge, die Stimme könne nicht mehr mitspielen. Zweimal musste Natalie Dessay bereits ungewollt pausieren. Die Folgen spürt sie bis heute. Hier spricht sie erstmals offen über die Gefährdungen, Zumutungen und Verunsicherungen ihrer großen Karriere – ein Wechselbad der Gefühle.

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Frau Dessay, auf YouTube berichten Sie über die Stimmband-Operationen, die Sie in den Jahren 2002 und 2004 über sich ergehen lassen mussten. Warum war im Krankenhaus eine Kamera dabei?
Eine Freundin, die Filme macht, war zufällig in der Nähe, also rief ich sie an und sagte: «Komm doch vorbei!» Es war keine große Absicht dahinter. Die Sache ist die: Wenn ein Sänger ein Problem mit der Stimme hat, dann schämt er sich meistens. Ich schäme mich aber nicht! Ich fühlte mich wie ein Fußballspieler, der verletzt ist. Also wollte ich ausdrücken: «Okay, das kann passieren.

» Es war nicht wegen meiner Technik geschehen oder aus eigener Schuld. Die Dinge sind halt doch oft komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

Können Sie erklären, was damals passiert war?
Ich bekam einen Polypen an den Stimmbändern. Aber kein Knötchen! Das ist ein großer Unterschied. Knötchen können entstehen, wenn man sich überanstrengt hat. Polypen dagegen kann man auch anderswo im Körper kriegen. Es war bei mir wohl eine Disposition vorhanden. Heute glaube ich, dass das auch ein Alarmsignal war. Der Körper sagt uns, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Ihr Polyp bedeutete: SOS?
Ja, ich brauchte offenbar eine ...

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Opernwelt Juni 2012
Rubrik: Schwerpunkt, Seite 28
von Kai Luehrs-Kaiser

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