Hysterie und Mechanik

Eötvös: Paradise Reloaded (Lilith) Chemnitz / Opernhaus

Opernwelt - Logo

Während Adam im Hotel «Eden» dem Auftrag nachkommt, fruchtbar zu sein, und Eva die Empfängnis mit glücklich-gluckernden Koloraturen quittiert, erklingt im Hintergrund die Choralzeile: «Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet». Dass sein Stand weder sichtbar noch gesegnet ist, ärgert den zuschauenden Luzifer. Er hat nämlich kein Geschlechtsteil, würde aber auch gern zeugen können und hätte seine Vermehrung bei anderer Ausstattung mit Lilith – Adams erster, geflohener Frau – längst ins Werk gesetzt.

Dass sie, wie eine rabbinische Legende berichtet, die Missionarsstellung unter Adam nicht mochte, hätte Luzifer nicht gestört. Er wäre auch unter weiblicher Obliegenheit zum Ziel gekommen.

Die Zote, zu der Peter Eötvös als Komponist gemeinsam mit seinen Librettisten Albert Ostermaier und Mari Mezei hier Zuflucht nimmt und die von Helen Malkowsky in Chemnitz auch werkgetreu in Szene gesetzt wird, rettet seine Kunst. Denn billig und abgestanden geriete die Kritik an der Kirche und deren Bemühen, Sexualität allein der Fortpflanzung unterzuordnen, ginge Eötvös hier mit Furor und Pathos zu Werke. Nur als Witz lässt sich «Paradise Reloaded (Lilith)», diese Oper, die beim Festival ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Jan Brachmann

Weitere Beiträge
Symphonisch gesteigerter Racheschrei

«Ein Krampf. Ein Schreck. Ein Händedruck.» Es ging um die Uraufführung von Hugo von Hofmannsthals «Elektra», und der Kritiker Alfred Kerr dichtete Schlagzeilen.

Dabei reimte er freilich auf Druck Gluck. Doch die Musik des Ritters war ein Lüfterl im Vergleich zum Orkan, der noch kommen sollte: Richard Strauss funktionierte das Schauspiel, das im Zeichen der...

Suche nach einer verloren geglaubten Zeit

«Darf ich das signieren?» Was für eine Frage. Aber natürlich. Wir bitten sogar darum. Wer weiß, wann wir Margarita Marinova noch mal treffen. In ihrem «Archiv», einem winzigen, über und über mit Aufführungsplakaten dekorierten Raum im zweiten Stockwerk des Plattenbaus gleich hinter der Oper. Einem unwirtlichen Kasten mit blinden Fenstern, verzogenen Türen und...

Banalität des Bösen

Auf der Webseite der Amsterdamer Oper verspricht der PR-Trailer für «Macbeth» ein grausames, blutiges Spektakel. Tatsächlich aber fließt auf der großen Bühne am Waterlooplein in Andrea Breths Deutung von Verdis furioser Shakespeare-Adaption nicht ein einziger Tropfen Theaterblut – das Bestialische des Mordreigens wird in Amsterdam systematisch ausgeblendet....