Banalität des Bösen
Auf der Webseite der Amsterdamer Oper verspricht der PR-Trailer für «Macbeth» ein grausames, blutiges Spektakel. Tatsächlich aber fließt auf der großen Bühne am Waterlooplein in Andrea Breths Deutung von Verdis furioser Shakespeare-Adaption nicht ein einziger Tropfen Theaterblut – das Bestialische des Mordreigens wird in Amsterdam systematisch ausgeblendet. Lediglich in der Bankettszene türmen sich statt edler Spezereien rohe Fleischberge aus dem Schlachthaus auf dem Tisch. Womöglich soll dies ein – wenig subtiles – Bild sein für eine Mahnung aus dem Unbewussten.
Oder die verdrängte Realität verdeckter Gewalt? Doch das Fleisch bleibt unberührt, die Messer bleiben blank. Und wenn Banco um die Ecke gebracht wird, geschieht das nach der Art osteuropäischer Auftragskiller: schnell, sauber und mit schallgedämpfter Magnum, nahezu lautlos bis auf ein zartes «kffffh». So geht das heute in den Zentren der Machtkämpfe, will uns die Regisseurin wohl sagen.
Andrea Breth, die Hohepriesterin der Werktreue, hat sich von ihrem Bühnenbildner Martin Zehetgruber auch die schwarzen Wände der Privatgemächer des mörderischen Ehepaares mit wattiertem Stoff auspolstern lassen, damit kein Laut heraus- und ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Regine Müller
Wenn es tagt, dann wendet sich auch der König der Sonne zu. Der Helligkeit, der Kraft, der Erkenntnis. Ein finales Dur-Aufgischten markiert die Lösung des inneren Konflikts, die Läuterung, das Heraustreten aus dem bisherigen Sein – und den Gegenpol zur dunklen Verführung zuvor. Eine Apotheose, in Nürnberg allerdings ein kurzer Schreckensmoment. Ein Scheinwerfer...
Dass das doch so auffällt. Dass es eine Aufführung doch so spürbar prägt. In Karlsruhe ist eine Interpretation von Richard Wagners «Parsifal» zu erleben, bei der alle Beteiligten offenkundig an einem Strang gezogen haben. Das Ergebnis: eine musikalisch-vokal-szenische Einheit. Vier der fünf großen Partien sind mit Rollendebütanten bestückt, ohrenscheinlich...
Der Begriff «Belcanto» scheint auf vieles anwendbar – auch Hunde hat man schon so gerufen. Ihn wörtlich als Schöngesang zu übersetzen, ist unzureichend, denn eigentlich steht er für die haute cuisine der Gesangstechnik; im Vergleich dazu schmeckt das robuste Staudruck-Stemmen wie Currywurst. Zugleich repräsentiert dieser Begriff eine Periode der Musikgeschichte, in...
