Henze: Boulevard Solitude

Graz

Opernwelt - Logo

«Eine Seele, die sich im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt», schwärmt Alwa in Bergs «Lulu» von der Titelheldin. Gleiches könnte Armand in «Boulevard Solitude» zu Manon einfallen. Keine der anderen Auffaltungen von Abbé Prévosts Roman zum Musiktheater, weder die Massenets noch jene Puccinis, arbeitet diese Perspektive einer Schlafwandlerin der Liebe deutlicher heraus als die Oper des jungen Hans Werner Henze.
Vor allem Grete Weil, die Librettistin, war es gewesen, die bei der Zeichnung von Manons Charakter vom erdgeisthaft Elementaren der Lulu gezehrt hatte.

Interessant im Vergleich auch die Ähnlichkeit der Namen Alwa und Armand sowie die Identifikation der jeweiligen Komponisten mit den Figuren – wenn auch in durchaus unterschiedlichem Kontext: Berg verarbeitete darin seine Liebe zu Hanna Fuchs-Robbetin, Henze das negative Lebensgefühl des Existenzialismus, das ihn sogar den Selbstmord versuchen ließ. Wobei Armand durchaus schärfer umrissen ist als Alwa, der zwar eine Oper über Lulu schreiben möchte, aber keineswegs so deutlich als Erzähler, ja Erfinder der Handlung agiert wie Henzes Held.
G. H. Seebachs Grazer Inszenierung in Hartmut Schörghofers kargem Dekor betont Letzteres ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2005
Rubrik: kurz berichtet, Seite 49
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Verdi: Il trovatore

Die Rolle ist der Traum jedes Tenors und der Alptraum jedes Intendanten: Vermutlich gibt es derzeit selbst in der A-Klasse der Tenöre keinen Manrico, der aus dem diskografischen Schatten Franco Corellis oder des jungen Domingo heraustreten könnte. Auch für Zoran Todorovich, der sein Repertoire und seine Stimme in den letzten Jahren durch Rollen wie Pollione und Don...

Mozart: La clemenza di Tito

Erneut stellt sich die Frage: Was fangen wir heute an mit Titus und seiner Clemenza? Regisseur David McVicar scheint Hildesheimer gelesen zu haben, der den Edelmut des Imperators «auf Kosten jeder psycholo­gischen Wahrheit besonders penetrant» fand, «da der Held selbst mehrfach darauf hinweist». So lässt der Regisseur an der English National Opera den Herrscher von...

Lockruf aus Las Vegas

Was deutsch und echt, scheint manchem Engländer noch immer verdächtig. Vor allem die «Tabloids», die Boulevardzeitungen, lassen kaum eine Gelegenheit aus, den Teutonen verbal eins aufs Haupt zu geben, sei’s beim Fußball, sei’s gar beim bayerischen Papst. Die respektlos-flapsige Headline der «Sun», «From Hitler youth to Papa Ratzi», hat in Deutschland böses Blut...