Heimspiel
Ekstatisch bricht das Trommelgewitter los. Es kündet von der Geburt des Johannes. Bald schon breitet sich – von den tiefen Streichern ausgehend, durch die Instrumentengruppen wandernd, Töne und Akkorde je nach Lage in verschiedenen Farben und Intensitäten beleuchtend – ein samtener Klangteppich aus: Paradoxon statischer Bewegung. Eine gute halbe Stunde spricht Olai, der Fischer, seine widersprüchlichen Gefühle aus, während man die Geburtswehen seiner Frau (und die Vokalisen eines unsichtbaren Chores) aus dem Off hört.
Es ist der Morgen des Lebens, der bruchlos hinübergleitet in den Abend des Daseins. Olai verschwindet, Johannes, sein Sohn, hat im Augenblick sein Leben schon gelebt, steht jetzt selbst an der Schwelle jenes Todesreichs, wohin seine Frau Erna und sein Freund Peter bereits entschwunden sind. Und um all das kreist die Frage: Was ist noch wirklich und was schon «jenseitig»?
«Morgen und Abend» heißt der Roman von Jon Fosse, der nach «Melancholia» das zweite Libretto für Georg Friedrich Haas destilliert hat: einen im Grunde handlungslosen, existentialistischen Wortstrom, der einen weit aufgefächerten Klangstrom von schwebender Energie, irisierender Schönheit und starker ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Karl Harb
Es gibt einen Moment in dieser Inszenierung, an dem sich Opernhandlung und Künstlerbiografie berühren: Andreas Homoki und sein Bühnenbildner Paul Zoller zeigen Menschen mit Koffern auf einem Ozeandampfer – jedenfalls lässt sich in dem mit stilisierten Rettungsringen ausgestatteten Treppenturm, der im zweiten Bild die Szene dominiert, eine Schiffsreling erkennen....
Als Jordi Savall nach dem großen Lockdown im Mai 2021 erstmals wieder ein öffentliches Konzert gab, wählte er mit Haydns «Schöpfung» geradezu programmatisch ein optimistisch von der aufklärerischen Vernunft getragenes Werk weltzugewandter Frömmigkeit und humanen Diesseitsvertrauens. Denn anders als in den Oratorien des Barock steht im Zentrum von Haydns...
Es ist nicht überliefert, ob Emilia Marty, diese durch und durch erstaunliche Frau, eine eifrige Leserin der Schriften von Søren Kierkegaard war. Genügend Gründe, sich zumindest in eines seiner Traktate zu vertiefen («Die Wiederholung» von 1843), hätte die gute Emilia jedoch auf jeden Fall gehabt. Denn dortselbst findet sich ein Satz, der ziemlich genau beschreibt,...
