Erste Wahl

Jordi Savalls Neuaufnahme von Haydns «Schöpfung»

Opernwelt - Logo

Als Jordi Savall nach dem großen Lockdown im Mai 2021 erstmals wieder ein öffentliches Konzert gab, wählte er mit Haydns «Schöpfung» geradezu programmatisch ein optimistisch von der aufklärerischen Vernunft getragenes Werk weltzugewandter Frömmigkeit und humanen Diesseitsvertrauens. Denn anders als in den Oratorien des Barock steht im Zentrum von Haydns musikalischer Genesis nicht der sündige und büßende, sondern der in den ästhetischen Kategorien von Würde und Anmut idealisierte Mensch mit seiner Verherrlichung des Schöpfers.

In Haydns aufwühlender Vorstellung des Chaos allerdings, mit der das Werk beginnt, scheint nicht nur die Leere vor der Schöpfung, sondern auch die gegenwärtige Er schöpfung der Welt nachzuzittern. 

Man meint, diese instrumentale Einleitung mit ihren schroffen Dissonanzen, ihrer herben Chromatik und ihren abrupten dynamischen Wechseln nie moderner, jedenfalls verstörender gehört zu haben als in diesem Livemitschnitt aus dem katalanischen Cardona. Savall und die 35 Instrumentalisten seines Orchesters deklamieren Haydns auskomponierte Unordnung mit einer Nachdrücklichkeit, die einem den Atem verschlägt. Diese an die rhetorische Topik des Barock erinnernde ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 28
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Voyeure des Grauens

Gleich vorweg: Der Mann taucht nicht auf. Weder allein noch vervielfältigt noch in der Begegnung mit seiner Schöpfung und seinen Figuren. So, wie es bei Stefan Herheim eigentlich Sitte ist, man denke nur an Tschaikowsky und «Pique Dame» oder Offenbach und «Hoffmanns Erzählungen». Auch die Überblendung von Stück, Aufführungsort, Werkhistorie und biografischem...

Überambitioniert

An Carl Maria von Webers «Freischütz» hat sich schon so manche Regie-Koryphäe die Zähne ausgebissen. Ist es schon schwierig genug, die düster-romantisch rumorende Geschichte an sich plausibel zu erzählen, liegt die größere Herausforderung darin, sie in eine heutige Gültigkeit zu übertragen, zumal sich auch Webers Partitur mit ihren Ambivalenzen einer stringenten...

Erfrischend natürlich

Wir wissen natürlich nicht, was genau sich da in der Einkaufstüte befand, als Papst Franziskus Anfang des Jahres einen römischen Schallplattenladen verließ. Dessen Besitzer gab lediglich bekannt, er habe seinem prominenten Kunden eine Schallplatte mit Musik von Mozart geschenkt. Wir hätten freilich für den klassische Musik liebenden Heiligen Vater schon das...