Erste Wahl
Als Jordi Savall nach dem großen Lockdown im Mai 2021 erstmals wieder ein öffentliches Konzert gab, wählte er mit Haydns «Schöpfung» geradezu programmatisch ein optimistisch von der aufklärerischen Vernunft getragenes Werk weltzugewandter Frömmigkeit und humanen Diesseitsvertrauens. Denn anders als in den Oratorien des Barock steht im Zentrum von Haydns musikalischer Genesis nicht der sündige und büßende, sondern der in den ästhetischen Kategorien von Würde und Anmut idealisierte Mensch mit seiner Verherrlichung des Schöpfers.
In Haydns aufwühlender Vorstellung des Chaos allerdings, mit der das Werk beginnt, scheint nicht nur die Leere vor der Schöpfung, sondern auch die gegenwärtige Er schöpfung der Welt nachzuzittern.
Man meint, diese instrumentale Einleitung mit ihren schroffen Dissonanzen, ihrer herben Chromatik und ihren abrupten dynamischen Wechseln nie moderner, jedenfalls verstörender gehört zu haben als in diesem Livemitschnitt aus dem katalanischen Cardona. Savall und die 35 Instrumentalisten seines Orchesters deklamieren Haydns auskomponierte Unordnung mit einer Nachdrücklichkeit, die einem den Atem verschlägt. Diese an die rhetorische Topik des Barock erinnernde ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 28
von Uwe Schweikert
Es gibt viele Lieder, «die heute vergessen und abgetan sind», schreibt Thomas Mann 1930 in den Erinnerungen an seine Mutter und bricht eine Lanze für Eduard Lassen, «einen Musiker etwas süßlichen Geschmacks …, der es aber ein paarmal in Verbindung mit Heinrich Heine zu einer sensitiven Ironie des Ausdrucks bringt, die mir unvergesslich ist». Am Ende des 19....
Wie haben wir ihn nicht geschmäht: als Traditionalisten, als Katholiken, gar als Boulevardisten. Das war zu Zeiten, da Darmstadt noch den Vatikan der Neuen Musik beherbergte. Sie sind längst vorbei. Heute blickt man entspannter auf die Musik von Francis Poulenc, zum Beispiel auf die «Dialogues des Carmélites», Poulencs religiöse Oper von 1956 – zumal wenn sie so...
Nordrhein-Westfalen besichtigt in diesen Monaten «Herzog Blaubarts Burg» erstaunlich oft. Am Theater Hagen war Béla Bartóks Psycho-Kurzoper aus dem Jahr 1911 unlängst in einer fantastisch schlüssigen, unter die Haut gehenden Inszenierung von Francis Hüsers zu sehen (siehe OW 3/2022). Im Herbst 2021 kam das Stück in Düsseldorf auf die Bühne (Regie: Demis Volpi) –...
