Heilige Familie
Von «rinascimento», von Wiedergeburt ist in Bergamo nach den finsteren Monaten der Corona-Epidemie viel die Rede, und den überbordenden, sich über zehn Stadtkilometer erstreckenden Lichtinstallationen wurde in diesem Jahr die Aufgabe zuteil, nicht nur Stimmung für Weihnachten zu machen, sondern sogar «das Geheimnis des Lebens» durchdringlich zu machen.
So nimmt, wer Ende November, Anfang Dezember das Donizetti-Opernfestival besucht, auch an einem Mysterienspiel vorweihnachtlicher Erleuchtung teil.
Bergamo hat zwei Stadtzentren und zwei Theater: ein elegantes in der neoklassizistischen Unterstadt, das andere in der mittelalterlich geprägten Oberstadt. Der abendliche Aufstieg zum historischen Teatro Sociale mit seinen enormen Holzbalken über dem Bühnenportal folgt einer Dramaturgie aus Finsternis und Licht: Erst geht es steil bergauf mit der Drahtseilbahn, dann weiter zu Fuß zwischen den stillen, dunklen Palazzi der Oberstadt bis zur künstlerisch illuminierten Lichtinsel der Piazza Vecchia, wo das alte Theater steht.
Das Teatro Sociale mit seinen lediglich drei Logen-Stockwerken ist vergleichsweise klein, das fördert einen intensiven, der Klangerzeugung nahen Zuhör-Modus. Damit kann ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Klaus Georg Koch
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Das englische Wort «longing» meint Sehnen, Sehnsucht, Verlangen; als Verb bedeutet es auch schmachten, dürsten, gelüsten. Es ist ein wandelbares, biegungsfähiges Wort; im moralischen Spannungsfeld zwischen Boccaccio und Paulus von Tarsus hält es nach beiden Seiten Ausschau. Doch vermutlich hatten Lucy Crowe und Anna Tilbrook, als sie ihrem Album dieses Motto gaben,...
Dem (Ver)fall des Otello sieht man von ganz nah zu. Die Opernbühne ist nach vorne gerückt, endet direkt vor der ersten Publikumsreihe. Der Orchestergraben, abgedeckt, wird zur Spielfläche. Die Musiker sitzen – von den Spielenden getrennt durch eine Gaze – im Hintergrund, in goldbraunem Licht schemenhaft sichtbar. Auch der Chor ist nicht weit entfernt: Er steht im...
