Nur wer die Sehnsucht kennt
Das englische Wort «longing» meint Sehnen, Sehnsucht, Verlangen; als Verb bedeutet es auch schmachten, dürsten, gelüsten. Es ist ein wandelbares, biegungsfähiges Wort; im moralischen Spannungsfeld zwischen Boccaccio und Paulus von Tarsus hält es nach beiden Seiten Ausschau. Doch vermutlich hatten Lucy Crowe und Anna Tilbrook, als sie ihrem Album dieses Motto gaben, vor allem jene Stimmung im Sinn, die Rilke einst so umschrieb: «Das ist dieSehnsucht: wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit».
Der Bogen des Albums reicht von Alban Bergs «Sieben frühen Liedern» und den «Vier Liedern» op. 2 des 25-jährigen Arnold Schönberg mit dem erotischen Symbolismus des Fin de Siècle sowie Liedern aus dem Opus 10 des noch einige Jahre jüngeren jungen Richard Strauss bis zur vergeistigten Abschiedsstimmung der «Vier letzten Lieder». Bei Strauss zieht Crowe einen Vorteil daraus, dass der Meister mit einer kapriziösen Sängerin verheiratet war, die er auch beim Lied in den Mittelpunkt rücken wollte (bzw. musste) und so zum Schöpfer des Podiumsliedes wurde. Keiner konnte Frauenstimmen so leuchten lassen wie er. Wobei die britische Sopranistin das Ausspinnen des Tons con un filo di voce, ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 31
von Gerhard Persché
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