Hartes Zigeunerleben

Cagliari, Bizet: Carmen

Opernwelt - Logo

Keinen Zweifel lassen der kanadische Dirigent Yves Abel und Stephen Medcalf, in vielen Inszenierungen ein Meister der psychologisch raffinierten Aussparung, an der Brutalität der Novelle Mérimées, die von Bizet keineswegs in jenen süßlichen Kitsch pseudospanischer Folklore übersetzt wurde, wie eine lange (schlechte) Tradition es gern sieht. Bizet komponiert Szenen (gleich der Anfangschor «Sur la place chacun passe»), die der veristischen Ästhetik des zufälligen Ausschnitts gehorchen.

Bizet mildert nicht, wie seine Librettisten es wollten, das Provokatorische einer amour fou, die Don José desertieren und in Gesetz- und Haltlosigkeit abgleiten lässt. 1875 reagierte die Kritik böse auf die Urauffüh­rung des «obszönen» Werks, auf die «Kakophonie» der Musik. Das ist Geschichte. Gewöhnung und Ohrwürmer haben das Ihre getan. Eine provozierende «Car­men» ist heute fast nicht mehr vorstellbar.
Doch Abel, dem das engagierte und in zwei Jahrzehnten in der Qualität unglaublich gewachsene Opern­orchester der sardischen Hauptstadt willig folgt, tut mit harten Kontrasten, kantigen Rhythmen (fabelhaft das Quintett des zweiten Akts), mit Verzicht auf geschöntes Schwelgen das Seine, um diese Patina ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2005
Rubrik: Panorama, Seite 61
von Dietmar Polaczek

Vergriffen
Weitere Beiträge
Erfolgreiche Doppelspitze

Es scheint, als hätten Barockmusik und Gegenwart einen geheimen Pakt geschlossen. Noch nie wurde die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts so häufig aus den Archiven heraus- und auf die Bühnen bzw. in die Produktionsstudios hineingetragen wie im letzten Jahrzehnt. Nun feiert wieder einer der damals bejubelten, dann vergessenen Komponisten seine Auferstehung: Johann...

Verschmelzungsprozess

Wer eine zyklische Aufführung von Ri­chard Wag­ners «Der Ring des Nibelungen» besucht hat, kennt sicher das Gefühl: Von Abend zu Abend wird man stärker in das Geschehen auf der Bühne hineingezogen. Die Figuren des Weltendramas erscheinen einem immer vertrauter: Wotan, Fricka, Brünnhilde, Sieg­mund und Sieglinde, Siegfried und Brünn­hilde – alles gute Bekannte....

Schlucken vor der Einsicht

Als Patrice Chéreau 1994 in Salzburg Mozarts «Don Giovanni» inszenierte, wagte er ein Tänzchen. Im zweiten Akt, wenn der Verführer seine Canzonetta zur Mandoline säuselt, posierte kein Macho unter dem Balkon von Elviras Zofe, sondern ein halb verrückter Autist begann sich zu drehen, zu steigern, zu verlieren in der Sucht des Eroberns. Es war ein leerer, trippelnder...