Handwerk, verklärt
Wenn das so weitergeht, dürfte er irgendwann die Gestik ganz einstellen. Ein aufmunternder Blick, ein Handgelenksschlenker, im Ernstfall eine hochgezogene Augenbraue, das könnte dann reichen. Immer sparsamer wirkt das, was Christian Thielemann auf dem Podium macht: Die Verklärung des Handwerks hat bei ihm schon jetzt eine sehr entscheidende, sehr sichtbare Stufe erreicht. Das Verdi-Requiem, bei den Salzburger Osterfestspielen gerade absolviert, ist ein Beispiel dafür.
Minimalistische Bewegungen, keine Mätzchen, zügige Tempi, kaum genüssliche Verbreiterungen, eine große Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit im Umgang mit der Partitur. Kein Abend religiöser Bekenntnisse, sondern reflektierter Kapellmeistertechnik.
Diese sehr italienisch geratenen Osterfestspiele sind unter anderem Thielemanns Demonstration, welchen Plunder es alles nicht braucht am Pult. Was er bei Strauss, Wagner & Co. vollbringt, das steht auch Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» ausnehmend gut. Kundig und behutsam dreht Thielemann an den Reglern seiner Sächsischen Staatskapelle. Der Klang ist zwar süffig grundiert, jedoch nie erdenschwer. Bleifreie Power gewissermaßen. Auch dürfen die Dresdner ein paarmal ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Markus Thiel
So schnell lässt sich ein Alphatier wie er nicht aus der Ruhe bringen. Und schon gar nicht aus dem Haus vertreiben, in dem er 1995 als Casting Director anfing und das er seit 2005 als Artistic Director leitet. Kritik an seinen (mitunter einsamen) Entscheidungen oder an seinem Führungsstil scheint John Berry eher zu beflügeln als zu hemmen. Als vor zwei Jahren –...
Nicht um Politik und Historie geht es in Verdis erster Auftragsarbeit für die Pariser Oper (1855), denn im Libretto von Eugène Scribe und Charles Duveyrier ist der Aufstand der Sizilianer gegen die französischen Besatzer (1282) eine austauschbare Folie für eine private Geschichte, die Jahre vorher in anderem Ambiente unter dem Titel «Le Duc d’Albe» schon von...
Eingekürzte «Zauberflöten» oder Kinderfassungen des «Freischütz» sind ja ganz nett. Aber den gewachsenen Ansprüchen an die Kinderoper genügen sie nicht. Und Humperdincks «Hänsel und Gretel» erscheinen doch langsam – pardon, das ist nicht hexenfeindlich gemeint – ein wenig ausgebrannt. Neue Stücke müssen her. Stücke, die den Zeitgeist treffen und einem jungen...
