Hänsel und Gräte
Eine Frau ist schwanger. Sie und ihr Lebensgefährte finden keine Bleibe. Dafür sterben aus Rache und/oder Verzweiflung ein paar der Leute, die nicht geholfen haben. Der Lebensgefährte ist offenbar der Täter und wird gehängt. Klingt banal, gibt es aber jetzt als Oper.
Die «Idee» zur «Handlung» der zweieinhalbstündigen Oper «Sleepless» von Péter Eötvös geht auf die Lektüre des ersten Bandes der «Trilogie» des norwegischen Autors Jon Fosse aus dem Jahr 2008 zurück.
Das Drama um das junge, arme, kindserwartende Paar Alida und Asle ist im Original möglicherweise voller Traurigkeit – und vor allem voller eindrücklicher Schilderungen von entweder unfreundlichen, sexuell aufdringlichen oder ständig besoffenen Norwegerinnen und Norwegern. Von dieser – Jon Fosse vorsichtshalber unterstellten – literarischen Subtilität ist in der Umsetzung bei Eötvös so gut wie nichts übriggeblieben. Wieder einmal geht die Bühnenadaption eines beliebten Romans aus jüngster Zeit in die – fischige – Hose. Menschliche Regungen, Charakterzüge, feine Zwischentöne der Kommunikation und Empathie ermöglichende Gefühlsbeschreibungen fallen komplett weg. Alles wird aalglattes Abziehbild und barsche Banalität. Franz ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Arno Lücker
Der Psychokrimi «Die tote Stadt» machte Erich Wolfgang Korngold früh weltberühmt. In seiner im Dezember 1920 parallel in Hamburg und Köln aus der Taufe gehobenen Oper balancierte das 23 Jahre junge Wiener Wunderkind traumwandlerisch zwischen expressionistischer Orchesterwucht und süßlich satten Vokallinien. Doch es folgte nicht der kühne Aufbruch in die Moderne,...
Himmel, hilf! So wohl muss man die Worte verstehen, mit denen sich Ägyptens geplagte Königin an die Götter wendet, in der Hoffnung, sie mögen ihren Qualen ein Ende setzen. Gefühlt 99 Mal haucht Cleopatra die Worte «giusto ciel» in den imaginären Saal, und immer flehentlicher klingt diese évocation sentimentale, immer verzweifelter, vergeblicher. Keine Frage, die...
So leicht ist Leonora nicht zu entführen: Wenn Luna sie am Ende des zweiten Teils mit seinen Soldaten dem Kloster entreißen will, greifen erstmal die Nonnen selbst zum Colt. Zu heikel wird den geistlichen Damen das Ganze erst, als auch noch Manricos Mannen in Cowboykluft die Bühne stürmen. Ein für Peter Konwitschny typischer V-Effekt, der das Melodramatische in...
