Im Spinnennetz
Kann Musiktheater gesellschaftspolitische Themen abbilden? Auf diese uralte Frage will Sophie de Lint neue Antworten finden. Seit dem Herbst 2018 leitet die ehemalige Zürcher Operndirektorin die Nationale Opera in Amsterdam und steuert den Musiktheater-Tanker sachlich-souverän durch die Pandemie. An den Ufern der Limmat handelte man sie schon als Nachfolgerin für Andreas Homoki in Zürich. Doch die Findungskommission entschied sich für Matthias Schulz, der dafür die Intendanz an der Staatsoper Berlin aufgibt.
In der niederländischen Hauptstadt verfolgt Intendantin de Lint derweil beherzt die ambitionierte Strategie, eine Balance zwischen der Pflege des großen Erbes der Ära Pierre Audi und ganz neuen Impulsen zu finden. Audi war es gelungen, das Haus mit mustergültigen Inszenierungen des Kernrepertoires und einem Fokus auf russische Opern in der ersten Liga zu etablieren und immer wieder auch mit Uraufführungen und spannenden Avantgarde-Projekten – wie beispielsweise mit der Gründung des Festivals «Opera Forward» – zu punkten. De Lint aber will noch andere Akzente setzen und sagt: «Die Welt dreht sich weiter. Diversität und Inklusion stehen jetzt ganz oben auf unserer Liste.» Und ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Regine Müller
Jahrhundertsängerin
Sie wusste, wann sie aufhören musste. 1973, im Alter von 51 Jahren, stand Renata Tebaldi als Desdemona in Verdis «Otello», einer ihrer Paraderollen, letztmalig auf der Bühne der Metropolitan Opera, jenem Haus, an dem sie 17 Jahre lang fast alle großen Sopranrollen gesungen hatte: Tosca, Violetta Valery, Aida, Amelia, Maddalena, Mimì, Manon...
Wie sich die Zeiten doch ändern: Als 1835 Karl von Gutzkows Roman «Wally, die Zweiflerin» erschien, ging nicht nur ein weithin hörbares Raunen durch den deutschen Blätterwald, der Autor landete für seine angeblich blasphemische und (aufgrund einer Nacktszene in der Hochzeitsnacht) als pornografisch inkriminierte Fiktion sogar im Gefängnis und wurde mit einem...
Programmatisch war die Idee nicht sonderlich kühn – «Eugen Onegin» kennt in Russland jedes Kind. Personell hingegen schon. Doch am Ende erwies sich die Entscheidung der Oper Jekaterinburg, Dmitry Volkostrelov für eine Neuinszenierung von Tschaikowskys «Lyrischen Szenen» zu verpflichten, als sehr gute Wahl. Volkostrelov ist eine außergewöhnliche Figur im Kulturleben...
