Güte mit Kalkül
Einer der Erfolgssongs der Pop-Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung provozierte mit dem Refrain: «Einmal möchte ich ein Böser sein, eine miese Sau.» Ein erfüllbarer Wunsch, wie ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt. Auch Titus Flavius Vespasianus (39-81) war nicht jener Gutmensch, als der er in Mozarts letzter Oper beworben wird. So ließ er Jerusalems Tempel zerstören, und die Erbarmungslosigkeit, mit der er gegen Aufrührer (auch gegen vermeintliche) vorging, trug ihm den Ruf des Schlächters ein.
Außerdem konsolidierte er die Staatskasse durch massive Steuererhöhungen, was schon damals nicht als Mildtätigkeit empfunden wurde. Allerdings wirkte er auch durch Wohltaten, unter anderem an den Opfern des Vesuv-Ausbruchs im Jahr 79 – was Erwähnung in «La clemenza di Tito» fand.
Zwiespalt herrscht denn auch in dieser Oper, was Regisseur Sam Brown in seiner sachlich-abstrahierten Inszenierung am Theater an der Wien wahrzunehmen sucht. Er konzediert, dass Titus’ vermeintliche Güte auch als politisches Kalkül verstanden werden mag, und dass die Begnadigung der Gegner des Herrschers zugleich deren seelische Hinrichtung bedeuten konnte. Das emotionelle Wechselbad des Titelhelden zwischen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Gerhard Persché
Neugierig macht das Programm der neuesten CD der franko-kanadischen Altistin Marie-Nicole Lemieux mit drei selten zu hörenden Orchesterlieder-Zyklen des Fin de Siècle allemal. Ernest Chaussons berückendes «Poème de l’amour et de la mer» wird dabei umrahmt von Edward Elgars herben «Sea Pictures» und der Erstaufnahme der allegorischen «Ode symphonique» «La Mer» des...
So wenig Marie steckte noch nie in einer Marietta: Während Pauls Verflossene das Sinnbild treuer, holder, fragiler Weiblichkeit gewesen sein muss, ist die potenzielle Neue an seiner Seite eine unfasslich exaltierte Zicken-Femme fatale. Sie macht alles falsch, um auch nur ansatzweise ins Bild der Toten zu passen, das sich der Witwer in seinem stilistisch der...
Man fühlt sich in den pastoralen Chor- und Chanson-Sätzen an die schöne Schlichtheit Glucks, in den Arien an die Seelentiefe und den Buffo-Geist Mozarts erinnert. Man genießt die tänzerische Champagnerspritzigkeit und die effektpralle Kontrastdynamik der französischen Barockoper, dazu die tollen Terzette, die lustvolle Lautmalerei. Und doch kommt uns kaum eine Note...
