Großartiges Leben im Falschen
Ruggero Leoncavallos «Pagliacci» – hierzulande besser bekannt als «Der Bajazzo» – ist im Grunde ein Stück Meta-Verismo, nein: fast schon zitatreiche Postmoderne (nur mit Authentizitätsfeeling). Da sich der Verismo um 1900 per se anschickte, glaubhaftere Stoffe von der Straße zu erzählen, darf der unförmige Tonio im «Pagliacci»-Prolog sogleich herrlich pathetisch den Unterschied von Schauspiel und Realität Arien-Ersatz besingen.
Nie wurde eine so schöne Publikumsbegrüßung komponiert, die gleichzeitig Serviervorschlag, Operneinführung und theatertypische Aussicht auf das Kommende ist. Die Eifersuchtsgeschichte um Nedda, ihren pathologisch eifersüchtigen Mann Canio und dessen Nebenbuhler Tonio und Silvio setzt sich im zweiten Teil des Verismo-Schlagers im Rahmen eines Commedia-dell’arte-Schauspiels fatal fort. Die Eifersucht aus dem «realen» Leben der Oper (die für uns als Zuschauende gespielte Eifersucht ist) wird im Rahmen eines Schauspiels innerhalb der Oper zur «echten» Eifersucht mit (freilich operntypischer) Todesfolge, was wiederum uns natürlich nur als «echt» präsentiert wird. Kurz bevor der Vorhang fällt, singt Tonio dementsprechend: «La commedia è finita!», und zwischendurch ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Arno Lücker
Die Konstellation kommt nicht von ungefähr, sie hat ein Vorbild: ein Paar aus Frau und Mann, verklammert an einem Ort, der Geheimnisse und (vergebliche) Hoffnungen ebenso bereithält wie Offenbarungen. Erkennbar bezieht sich Péter Eötvös in seinem zehnten Musiktheater «Senza Sangue» auf den Einakter «Herzog Blaubarts Burg» seines Landsmannes Béla Bartók. Doch schon...
Helene Berg gehörte noch zu jenen Künstlergattinnen, die, wie Cosima Wagner oder Alma Mahler, ihren Männern jene Ruhe und Ordnung boten, die diese für ihr Schaffen brauchten. «Ich lösche mich aus und will nur für Dich da sein.» An das am Vorabend der Hochzeit mit einem «Amen» schriftlich bekräftigte Versprechen hielt Helene Nahowski, eine natürliche Tochter Kaiser...
Als Heiner Müller 1993 in Bayreuth «Tristan und Isolde» inszenierte, hob er nicht ab auf eine romantische oder metaphysische Liebesgeschichte, sondern auf den im Libretto häufig genannten Tod. Dass es aber noch viel konkreter, härter geht, ist jetzt in Chemnitz zu erleben. Dort gibt es seit dem 2018 vollendeten, von vier Frauen inszenierten «Ring» eine...
