Großartiges Leben im Falschen
Ruggero Leoncavallos «Pagliacci» – hierzulande besser bekannt als «Der Bajazzo» – ist im Grunde ein Stück Meta-Verismo, nein: fast schon zitatreiche Postmoderne (nur mit Authentizitätsfeeling). Da sich der Verismo um 1900 per se anschickte, glaubhaftere Stoffe von der Straße zu erzählen, darf der unförmige Tonio im «Pagliacci»-Prolog sogleich herrlich pathetisch den Unterschied von Schauspiel und Realität Arien-Ersatz besingen.
Nie wurde eine so schöne Publikumsbegrüßung komponiert, die gleichzeitig Serviervorschlag, Operneinführung und theatertypische Aussicht auf das Kommende ist. Die Eifersuchtsgeschichte um Nedda, ihren pathologisch eifersüchtigen Mann Canio und dessen Nebenbuhler Tonio und Silvio setzt sich im zweiten Teil des Verismo-Schlagers im Rahmen eines Commedia-dell’arte-Schauspiels fatal fort. Die Eifersucht aus dem «realen» Leben der Oper (die für uns als Zuschauende gespielte Eifersucht ist) wird im Rahmen eines Schauspiels innerhalb der Oper zur «echten» Eifersucht mit (freilich operntypischer) Todesfolge, was wiederum uns natürlich nur als «echt» präsentiert wird. Kurz bevor der Vorhang fällt, singt Tonio dementsprechend: «La commedia è finita!», und zwischendurch ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Arno Lücker
Während der Ouvertüre würdigen sie sich keines Blickes. Auf der rechten Seite des Bühnenportals sitzt Graf Almaviva. Zur Linken seine Gattin. Bevor noch «Le nozze di Figaro» am Theater Regensburg so richtig in Gang kommt, ist die Ausgangssituation dieser Mozart-Oper auch körperlich bereits vorgezeichnet. Der Vorhang ist durchscheinend, dahinter blaut bereits die...
New York im Licht: Nach 18 Monaten der Stille öffnete die Metropolitan Opera wieder ihre Pforten – mit einer bewegenden Aufführung von Verdis «Requiem» unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin. Den Anlass bildete der 20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center. Der gemeinsam mit dem 9/11 Tribute Museum initiierte Abend wurde live vor dem Opernhaus und...
Zur Hochzeit der Opera seria in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte Giuseppe Maria Boschi zu ihren erfolgreichsten Interpreten. Nachdem er 1710/1711 in London erstmals in Opern Georg Friedrich Händels gesungen hatte, ging er 1717 mit dem Komponisten Antonio Lotti an den Dresdner Hof, von wo ihn Händel erneut für die Royal Academy of Music abwerben...
