Grimmig oder freundlich?
Karl Marx, eher bekannt als der ältere Mann mit Bart und grimmigem Blick, war unlängst als bohèmehafter, jugendlich-freundlicher Liebhaber ein Leinwandheld. Anlässlich seines 200. Geburtstags wird er demnächst denn auch in einer neuen Oper von Jonathan Dove figurieren. Grimmig oder freundlich? Man ist gespannt, wie sich «Das Kapital» oder wenigstens das «Kommunistische Manifest» in vertontem Zustand anhören werden.
Jenes hatte Sergei Eisenstein verfilmen, dieses Bertolt Brecht in Hexameter gießen wollen; Hanns Eisler interessierte sich ohnehin lebhaft für die Komposition solcherart heiliger Texte. Peter Ruzicka hingegen brachte das Kunststück fertig, eine «Celan»-Oper ohne Rekurs auf auch nur eine einzige Dichterzeile zu schreiben.
Ja, Opernsujets! Im Grunde ist ja mit der Handvoll uralter Mythen alles gesagt. Ödipus, Odysseus, Helena, Iphigenie und Konsorten, vielleicht noch Aeneas, Don Juan und Faust – vielfach variationsfähig und hinlänglich als ewiges Spielmaterial der conditio (oder commedia) humana. In allem anderen mithin nur Verkleidung, Neudrapierung des in Ursprungsdichtungen Gegebenen? Karl Marx, so gesehen: eine Mischung von Jupiter und Pluto? Oder halb ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Magazin, Seite 85
von Hans-Klaus Jungheinrich
Vor einem halben Jahrhundert sind zwei Aufnahmen von romantischen Wagner-Opern entstanden, die den Stempel zweier großer Dirigenten tragen. Rudolf Kempe stand 1967 bei den Bayreuther Festspielen in «Lohengrin» am Dirigentenpult, Otto Klemperer leitete im Jahr darauf in den Londoner Abbey Studios eine Produktion des «Fliegenden Holländers».
Kempe, der im ersten...
Während Tonios Prolog wird hektisch das Bühnenbild aufgebaut. Serena Sinigaglia, die nördlich der Alpen noch wenig bekannte Regisseurin aus Mailand, fügt Leoncavallos «meta-theatralem» Geniestreich eine zusätzliche Brechung hinzu. Wenn Tonio Theater als Theater ankündigt, bevor das Melodram dann doch in das «wahre» Leben, genauer: das «wahre» Morden umkippen wird,...
Herkulesaufgabe? Sisyphusarbeit? Man darf sich in der Beschreibung von Christian Merlins Jubiläumsgabe zur 175. Wiederkehr des Geburtstags der Wiener Philharmoniker durchaus aus dem Mythos der Antike bedienen. Natürlich könnte man auch Goethe zitieren: «Nur das Leichtere trägt auf leichten Schultern den Schöngeist. Aber der schöne Geist trägt das Gewichtige leicht...
