Glanz im Elend
Auf Mark Wigglesworths Pult liegt John Tyrrells 2017 erschienene kritische Neuedition von Janáčeks letzter Oper «Aus einem Totenhaus». In der Ouvertüre schlagen die hohen Violinen weniger nervös aus als etwa bei Charles Mackerras: Wigglesworth scheint darauf bedacht, das beinahe kammermusikalisch agierende Orchester bewusst dicht zu führen, um den von Janáček in die Extreme gesetzten Klängen Halt zu geben.
Unterdessen kritisiert ein paar Meter weiter oben der Philosoph Michel Foucault das Justizwesen (untertitelte Videos leiten jeden Akt ein), ehe der Blick auf eine Knastturnhalle freigegeben wird. Krzysztof Warlikowski und seine Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak siedeln Janáčeks Gulag-Stück in einem Gefängnis an, «wie wir es heute in der Türkei, Brasilien, Mexiko und jeder der westlichen Demokratien finden können». Was keineswegs bedeutet, dass der Regisseur bei jeder Gelegenheit die Macht der Wärter herausstreicht. Selbst die Ankunft Alexander Petrowitsch Gorjantschikovs – um den Aufnahmetrakt zu zeigen, fährt eine verglaste Box auf die Bühne –, bei der der gebeugte Mann brutal zusammengeschlagen wird, bleibt ein Ereignis am Rande, das hinter die Händel der übrigen Insassen ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Wiebke Roloff
Die Tränen Sofias sind anders. Irgendwie weicher, samtiger. Dass sie aber so reichlich vom Himmel herabkullern, überrascht selbst Einheimische. Frühling sollte es sein, wenn Gäste aus aller Damen und Herren Länder in die bulgarische Kapitale kommen, aus Kanada und Österreich, Schweden und den USA, aus Litauen und Lettland, um sich im schmucken Opernhaus drei Tage...
Die kunstvollen, teils kontrapunktischen Arien, die Ouvertüre und den Schlusschor gab es bereits – erstmals 1727 waren sie in London erklungen, bei der Uraufführung von Händels «Riccardo primo, Re d’Inghilterra» auf ein Libretto von Paolo Antonio Rolli. Als Telemann einen Druck der Gesangsnummern aus «Riccardo» erhielt, erschien ihm eine Aufführung in Hamburg...
Vor einem halben Jahrhundert sind zwei Aufnahmen von romantischen Wagner-Opern entstanden, die den Stempel zweier großer Dirigenten tragen. Rudolf Kempe stand 1967 bei den Bayreuther Festspielen in «Lohengrin» am Dirigentenpult, Otto Klemperer leitete im Jahr darauf in den Londoner Abbey Studios eine Produktion des «Fliegenden Holländers».
Kempe, der im ersten...
