Glück, das uns verbleibt
Es könnte Zufall sein. Es könnte aber auch sein, dass Erich Wolfgang Korngolds (Alb)-Traumoper «Die tote Stadt» nach beinahe 100 Jahren Einsamkeit wieder vermehrt auf den Spielplänen zu finden ist, weil sie sich gewissermaßen a posteriori dem kühl-flüchtigen Rationalismus der Postpostmoderne mit flackernd surrealer Magie widersetzt. Und weil sie uns in jene Sphäre des Unzugänglichen, Vagen, Süffigen lockt, nach der sich das (im Westen) hyperaufgeklärte, digital formatierte und streng fortschrittsgläubige 21.
Jahrhundert vermutlich gerade deshalb sehnt, weil es diese Sphäre wohl auf immer verlassen hat, die Fülle verspricht, Sinnlichkeit, unverstellte Sehnsucht – und eine Prise Anarchie. Sich auf den Traum einzulassen, so hat es der Philosoph Christoph Türcke einmal bestechend hellsichtig formuliert, «heißt in den Untergrund gehen, jeglichen festen Halt preisgeben, den das Establishment eingeschliffener Sitten und Gewohnheiten, Wahrheiten, Wahrnehmungs- und Denkformen zu bieten pflegt, und abtauchen in jene Vorzeit, jene disparate, diffuse halluzinatorische Empfindungs- und Bilderwelt, aus der menschliche Kultur sich einst mühsam erhoben hat».
Korngolds «Tote Stadt» bietet uns ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Die Szene ist Legende. Weil sie so mysteriös ist, buchstäblich von Schlummerwolken umkränzt. «Götterdämmerung», zweiter Aufzug, erste Szene. Ein Mann sitzt, schwer bewaffnet, am Flussufer vor der Gibichungenhalle und schläft. Aber er schläft mit offenen Augen. Träumt er, dämmert er vor sich hin? Oder macht er nur ein kleines Brecht’sches Nickerchen, in dessen...
«Mein Mund soll meines Herzens Bosheit sagen, / Sonst wird mein Herz, verschweig’ ich sie, zerspringen: / Und ehe das geschehe, will ich frei / Und über alles Maß die Zunge brauchen ...» So sagt es Katharina in Shakespeares «Der Widerspenstigen Zähmung»; man hätte sich auch Richard Strauss’ Ehegespons Pauline de Ahna in dieser Rolle vorstellen können. Ob das Stück...
Anstößig sei alles wahrhaft Produktive, schrieb Friedrich Nietzsche in seinen «Unzeitgemäßen Betrachtungen». Er bezog es auf einen «allgemein ansprechenden Ton» mancher Schriftsteller, dem eben dieses Anstößige fehle. Ob auch Bohuslav Martinů (1890-1959) etwas Unangepasstes meinte, als er angab, er habe seine «Lieder geschrieben, wenn er nicht komponierte»?...
