Gestaute Zeit
Dunkel soll es klingen, das Eisentor, das sich zu Beginn des vierten Aktes schließt. Verlauf und Zeitwerte dieses Sounds sind genau notiert, bis auf den letzten Akzent einer (sonst stummen) Quintole. Fortschreitend in Tontrauben zwischen dreifachem piano und forte. Dann mischt sich Gemurmel einer Menschenmenge in die rund um das Auditorium des Genter Opernhauses installierten Lautsprecher. Von Wind verweht, von beckensirrendem Gewölk vernebelt. Ein Zug kreuzt die virtuelle Klanglandschaft, ein Vogel flattert auf, rollende Kugeln aus Metall, aus Holz.
Zum ersten Mal während des zweieinhalbstündigen Exerzitiums der gestauten, angehaltenen Zeit, das Chaya Czernowin in «Infinite now», ihrer (nach «Pnima» und «Adama» zu Mozarts «Zaide») dritten, bislang komplexesten Arbeit für das Musiktheater ausformuliert, verschmelzen hier die Sängertrios, die zwei verschiedenen Sphären zugeordnet sind: das eine (Sopran, Alt, Bass) Texten aus dem Stück «Front» (2014), in dem Luk Perceval mit Soldatenbriefen und Auszügen aus Erich Maria Remarques Roman «Im Westen nichts Neues» an das Pandämonium des Ersten Weltkriegs erinnert; das andere (Mezzo, Counter, Bariton) einer hermetisch-surrealen Erzählung ...
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Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann
Am Himmel der Salle Favart ist jetzt wieder alles möglich. Und auf den Brettern sowieso. Klar, dass Intendant Olivier Mantei und die Bühnentechnik zur Wiedereröffnung der Opéra Comique die generalüberholte Maschinerie tanzen lassen. Mit fliegenden Sängern, Seilartisten und blütenweiß schwebenden Stoffsegeln. Zwanzig Monate war das 1898 eingeweihte Haus an der Place...
Es sieht fast so aus, als falle die lateinamerikanische Operngeschichte in das Fachgebiet der Architektur. Denn wirklich berühmt sind allein zwei Häuser: das Teatro Amazonas in Manaus und das Teatro Colón in Buenos Aires. Und sie sind nicht für die dort gespielte Musik berühmt. Im brasilianischen Manaus erklang fast 100 Jahre lang überhaupt keine Oper; in Buenos...
Das Hirn hat Beine, damit es tanzen kann. Unablässig bewegt es sich zu den sich ständig wiederholenden Klangmotiven, kommt dabei nicht von der Stelle, ausgestellt und ganz für sich. Unter den vielen Bildern, die Kay Voges in seiner Deutung von «Einstein on the Beach» präsentiert, ist das tanzende Riesenhirn das zentrale. Darin stecken viele Grundgedanken dieses...
