Gegen den Zeitgeist
Die Musikkritik sieht sich heute selbstverständlich denselben Problemen gegenüber wie die von ihr besprochene Musik selbst, denn in einer formatierten Welt des like und dislike hat es der Wunsch nach Differenzierung schwer. Die Verschiebung jedweden Urteils einer unbegrenzten Anzahl von Richtern in die öffentlichen Medien hat eben nicht nur Vorteile; ein Nachteil wäre – um mit Karl Kraus zu sprechen –, dass «jeder Ladenschwengel die Muse befingern darf», und das geht einher mit einem eindeutigen Verlust an Genauigkeit, auch einem Überfluss an Übergriffigkeit.
Man könnte brutal im Stil der 1930er-Jahre sagen: Wer Kunstwerke nach dem Äußeren beurteilt, beurteilt auch Menschen nach dem Äußeren.
Selbstverständlich kann man feststellen, dass die rein äußerliche Betrachtung eines Kunstwerks immer bestanden hat, manchmal folgt sie Volkes Stimme und der Grad zum Populismus ist hauchdünn, manchmal raunen geheimbündlerische Syntagmen aus den Schriftsätzen und das Glasperlenspiel ist nicht fern. Aber das Größenverhältnis von fundierter Kritik und rein äußerlicher Negation oder Affirmation hat sich im Lauf der Jahre immer weiter verschlechtert. Ein weiteres Indiz wäre, dass noch vor wenigen ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 110
von Detlev Glanert
Zwei Schwestern. Einander so ähnlich und doch so unterschiedlich. Was sie dennoch eint, ist die Fähigkeit, Bilder zu kreieren, tatsächliche und imaginäre. Und ganz gewiss steckt dem Kino das illusionistische Musiktheater bereits in den Genen – was niemand so scharfsinnig erkannte wie Theodor W. Adorno, als er, in Anlehnung an Nietzsche, bemerkte, in Wagners...
Wenn der Musikjournalismus stirbt, dann stirbt die Opernkritik zuletzt. Wenn auch seltener und kürzer, hält sie sich noch im Feuilleton und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Eine Stichprobe in der Schweizer Mediendatenbank zeigt, dass die Berichterstattung sogar zunimmt. Dass die Opernkritik dabei sturmfester ist als die Berichterstattung über andere Gattungen,...
Für Olga Neuwirth bedeutete Komponieren stets die Suche nach dem (faszinierend) Anderen, das Interagieren verschiedenster Kunstformen, kurzum: ein synästhetischer Brückenbau zwischen klassischer Musik, Film und Medien, Literatur, Architektur und Bildender Kunst. All diese Elemente setzt sie auch in ihrem neuesten Werk «Orlando», das an der Wiener Staatsoper...
