Gedankenspiele
Für sein neuestes Musiktheaterwerk hat Sidney Corbett auf ein nicht realisiertes Projekt Pier Paolo Pasolinis zurückgegriffen. Wie in seinem erfolgreichen Film «Das 1.
Evangelium – Matthäus», in dem Pasolini Jesus als kompromisslosen Prediger mit sozialrevolutionären Zügen darstellt, wollte er auch Paulus, die Zentralfigur im Übergang vom Urchristentum zur institutionalisierten Kirche, als moderne, von Zweifeln und inneren Widersprüchen zerrissene Figur in die heutige Zeit versetzen – ein am Ende Vereinsamter und Enttäuschter, in dem der Häretiker und Intellektuelle Pasolini auch eigene Züge erkannt haben muss. Er verwendet in seinem Treatment fast ausschließlich originale Bibeltexte, verfolgt das Leben des letzten, nicht mehr von Jesus selbst berufenen Apostels in einer «episodischen Tragödie» vom Damaskus-Erlebnis des zum Christentum Bekehrten bis zu seinem Tod und konfrontiert die Ereignisse, da es ihm nicht um historische Logik, sondern um die physische und materielle Gegenwart des Mythos geht, mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Jede Filmszene sollte darum einem Schauplatz der jüngsten Vergangenheit entsprechen, am Ende der Tod des Paulus mit der Ermordung Martin Luther Kings zusammenfallen. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Uwe Schweikert
Shakespeare passt immer, und die internationale Gesellschaft, die eigentlich zur Krönung von Charles X. Philippe nach Reims will, könnte auch Richard den Dritten zitieren: «A horse! A horse! My kingdom for a horse!» Vielleicht nicht gleich ein ganzes Königreich, aber doch anständige Summen würden die in Plombières-les-Bains gestrandeten Herrschaften für Gäule...
Darf ein Countertenor Rossini singen? Die Frage ist so sinnvoll oder so sinnlos wie die nach Bach auf dem Steinway oder – vermutlich hier treffender – die nach Schubert auf dem Cembalo. Natürlich darf er, wenn das künstlerische Resultat überzeugt. Max Emanuel Cenčić überzeugt in den beiden Arien des Malcolm aus Rossinis «La donna del lago», die er schon 2007 auf CD...
Régine Crespin (1927-2007) war die bedeutendste französische Sopranistin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Warner Classics erinnert an sie mit einer umfangreichen CD-Kollektion, die Aufnahmen aus den Jahren 1958 bis 1976 bündelt – Arien und Szenen aus Opern Verdis, Wagners, Massenets und Puccinis, Offenbach-Operetten und einer reichen Liedauswahl, die von...
