Gedankenspiele
Für sein neuestes Musiktheaterwerk hat Sidney Corbett auf ein nicht realisiertes Projekt Pier Paolo Pasolinis zurückgegriffen. Wie in seinem erfolgreichen Film «Das 1.
Evangelium – Matthäus», in dem Pasolini Jesus als kompromisslosen Prediger mit sozialrevolutionären Zügen darstellt, wollte er auch Paulus, die Zentralfigur im Übergang vom Urchristentum zur institutionalisierten Kirche, als moderne, von Zweifeln und inneren Widersprüchen zerrissene Figur in die heutige Zeit versetzen – ein am Ende Vereinsamter und Enttäuschter, in dem der Häretiker und Intellektuelle Pasolini auch eigene Züge erkannt haben muss. Er verwendet in seinem Treatment fast ausschließlich originale Bibeltexte, verfolgt das Leben des letzten, nicht mehr von Jesus selbst berufenen Apostels in einer «episodischen Tragödie» vom Damaskus-Erlebnis des zum Christentum Bekehrten bis zu seinem Tod und konfrontiert die Ereignisse, da es ihm nicht um historische Logik, sondern um die physische und materielle Gegenwart des Mythos geht, mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Jede Filmszene sollte darum einem Schauplatz der jüngsten Vergangenheit entsprechen, am Ende der Tod des Paulus mit der Ermordung Martin Luther Kings zusammenfallen. ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Uwe Schweikert
Seit mehr als 40 Jahren leistet in Salzburg das Festival «Aspekte» wertvolle Dienste für Musik unserer Zeit. Seit 2006 setzt der Komponist und Pädagoge Ludwig Nussbichler als künstlerischer Leiter klare thematische Schwerpunkte. Für die heurige Ausgabe fand er das Motto «Moving Pictures». Der tönende Blick in die Welt des Films sollte mehr als nur illustrative...
Es ist das alte Spiel: «Hab mich ein bisschen lieb, dann wird aus mir doch noch ein anständiger Kerl», sagt er zu ihr. «Dafür hole ich dir die Sterne vom Himmel und lege dir die Welt zu Füßen.» Sie spürt eigentlich, dass es ihm nur um sich geht, erliegt aber schließlich doch seiner dunklen Faszination. Nur: Wir sind in der Oper, weshalb sie am Ende stirbt und von...
In der Barockoper dominierten die hohen Stimmen – die schönsten und wirkungsvollsten Arien waren Kastraten und Primadonnen vorbehalten. Weitaus spärlicher sind Tenöre mit exzellenter Musik bedacht worden, noch seltener wurde Bässen diese Gunst zuteil. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Wenn ein Komponist wie Georg Friedrich Händel Gelegenheit hatte, für herausragende...
