Gallia abbandonata

Dortmund/Krefeld | Bellini: Norma

Ein kurioser Zufall bescherte dem Opernland Nordrhein-Westfalen und seinen Belcanto-Liebhabern gleich zwei Premieren von Vincenzo Bellinis «Norma», nämlich in Dortmund und in Krefeld, keine 75 Kilometer voneinander entfernt. Der direkte Vergleich drängt sich geradezu auf. Seit Maria Callas in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dieses Meisterwerk triumphal wieder ausgegraben und rehabilitiert hat, umgibt es ein besonderer Nimbus.

Was vor allem an der halsbrecherisch heiklen Titelpartie liegt, von der bereits Lilli Lehmann behauptete, sie sei schwieriger zu bewältigen als drei Brünnhilden. Außerdem gilt Bellini unter Regisseuren generell als sperrig, schwer zu inszenieren.

In Krefeld verlegt Thomas Wünsch die Handlung in die Filmwelt des italienischen Neorealismus. Der Regisseur ist davon ausgegangen, dass Bellini selbst die Handlung nur deshalb in der fernen Vergangenheit des ersten Jahrhunderts vor Christus in Gallien ansiedelte, um der Zensur zu entgehen und in dieser Verschlüsselung die damals aktuelle Situation des vom Risorgimento ergriffenen Italien reflektieren zu können. Auf der Bühne ist eine hohe Mauer mit einem eisernen Tor aufgebaut, dahinter stehen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Regine Müller

Weitere Beiträge
Bigger than life

Erich Wolfgang Korngolds Oper «Die tote Stadt» ist ein Reißer sondergleichen, mit allen Ingredienzen einer Erfolgsoper, und ganz zu Recht neuerdings wieder viel gespielt. Allerdings verbindet sich mit diesem Werk auch ­einer der traurigsten Opernmitschnitte, vergleichbar nur mit den Aufnahmen der letzten öffentlichen Auftritte von Maria Callas. Die Doppelrolle des...

Im Focus

Es gibt Stücke, die gibt’s nicht wirklich auf den Spielplänen. Sie tauchen nur ab und zu dort auf, werden bestaunt, bewundert, befragt, befeuert und bisweilen auch belächelt. Dann verschwinden sie wieder – um später wieder aufzutauchen und bewundert und belächelt zu werden und wieder zu verschwinden. Man könnte sie Einzelgänger nennen, ohne dass sie deshalb gleich...

Keine Ausreden

Reri Grist, geboren am 29. Februar 1932 in New York, absolvierte von 1959 bis zu ihrem offiziellen Bühnenabschied 1991 eine beispiellose Karriere an allen großen Opernbühnen der Welt. In der Uraufführung der «West Side Story» sang sie auf Wunsch des Komponisten Leonard Bernstein das berühmte «Somewhere». Ihre großen Mozart- und Strauss-Rollen (Zerbinetta, Susanna,...