Die Banalität des Bösen

Frankfurt | Verdi: Otello

Opernwelt - Logo

Der Regisseur Johannes Erath hat in seiner Frankfurter «Otello»-Inszenierung das Stück auf den Kopf gestellt und Verdis «Dramma lirico» als Brecht’sches Lehrstück vorgeführt. Zu diesem Zweck ließ er sich von Dirk Becker ins nackte Bühnenhaus eine steil ansteigende hölzerne Rampe setzen – Bretter, die hier buchstäblich die Welt bedeuten, auf denen requisitenlose Nüchternheit herrscht. Hundert Paar schachbrettartig aufgereihte Springerstiefel warten darauf, von der Chor-Soldateska angezogen zu werden.

Erath bespielt die kalt abweisende, von sichtbaren Lichtbrücken ausgeleuchtete Fläche raumgreifend in den großen Chorszenen, die intimen Szenen jedoch gehen unter. Auch sie spielen hier in der Öffentlichkeit, und das widerspricht dem Geist von Verdis Musik. Erath macht die Menschen, die in die Falle dieser Eifersuchtstragödie geraten, bewusst klein. Otello ist ein von Versagensängsten getriebener Schwächling, den der zu groß geratene Feldherrnmantel schier erdrückt und der, kaum dass er die Bühne betreten hat, erst einmal sein schwarzes Alter Ego erdrosselt. Desdemona regrediert zur blind liebenden Madonnenikone im Hochzeitskleid, und selbst Jago als Regisseur des Ganzen gewinnt wenig ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Im Focus

Es gibt Stücke, die gibt’s nicht wirklich auf den Spielplänen. Sie tauchen nur ab und zu dort auf, werden bestaunt, bewundert, befragt, befeuert und bisweilen auch belächelt. Dann verschwinden sie wieder – um später wieder aufzutauchen und bewundert und belächelt zu werden und wieder zu verschwinden. Man könnte sie Einzelgänger nennen, ohne dass sie deshalb gleich...

Bigger than life

Erich Wolfgang Korngolds Oper «Die tote Stadt» ist ein Reißer sondergleichen, mit allen Ingredienzen einer Erfolgsoper, und ganz zu Recht neuerdings wieder viel gespielt. Allerdings verbindet sich mit diesem Werk auch ­einer der traurigsten Opernmitschnitte, vergleichbar nur mit den Aufnahmen der letzten öffentlichen Auftritte von Maria Callas. Die Doppelrolle des...

Apropos... Spieltechnik

Wann haben Sie zum ersten Mal ein Orchester dirigiert?

Cantus Cölln wurde immer größer, irgendwann kam ein kleines Orchester hinzu. Aber solange man sich in der freien Szene bewegt, ist das nicht der große Unterschied. Der tritt erst ein, wenn man vor einem «normalen», klassisch geschulten Stadt- oder Staatsorchester steht. Da weht schon ein anderer Wind, man kann...