Die Banalität des Bösen

Frankfurt | Verdi: Otello

Der Regisseur Johannes Erath hat in seiner Frankfurter «Otello»-Inszenierung das Stück auf den Kopf gestellt und Verdis «Dramma lirico» als Brecht’sches Lehrstück vorgeführt. Zu diesem Zweck ließ er sich von Dirk Becker ins nackte Bühnenhaus eine steil ansteigende hölzerne Rampe setzen – Bretter, die hier buchstäblich die Welt bedeuten, auf denen requisitenlose Nüchternheit herrscht. Hundert Paar schachbrettartig aufgereihte Springerstiefel warten darauf, von der Chor-Soldateska angezogen zu werden.

Erath bespielt die kalt abweisende, von sichtbaren Lichtbrücken ausgeleuchtete Fläche raumgreifend in den großen Chorszenen, die intimen Szenen jedoch gehen unter. Auch sie spielen hier in der Öffentlichkeit, und das widerspricht dem Geist von Verdis Musik. Erath macht die Menschen, die in die Falle dieser Eifersuchtstragödie geraten, bewusst klein. Otello ist ein von Versagensängsten getriebener Schwächling, den der zu groß geratene Feldherrnmantel schier erdrückt und der, kaum dass er die Bühne betreten hat, erst einmal sein schwarzes Alter Ego erdrosselt. Desdemona regrediert zur blind liebenden Madonnenikone im Hochzeitskleid, und selbst Jago als Regisseur des Ganzen gewinnt wenig ...

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Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Uwe Schweikert

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