Freunde, vernehmet die Geschichte

Was ist ein Libretto? Zu verschiedenen Zeiten der Operngeschichte ­etwas durchaus Verschiedenes. Es kann eine Dienstleistung sein, die der Librettist, oft unter vielen Komplikationen, einem Komponisten ­liefert. Es kann aber auch ein litera­risches Werk sein, dessen Autor es ziemlich egal ist, was der eine oder andere Komponist daraus macht, eben weil er sich als Autor versteht und nicht als Zulieferer. Metastasios Libretti hatten und haben Bestand – unabhängig von diversen Vertonungen. Da Pontes Texte für Mozart oder diejenigen, die Hofmannsthal für Strauss schrieb, haben zweifellos auch literarischen Rang, aber ohne Musik machen sie wenig Sinn. Im 17. und 18. Jahrhundert gehörte die Lektüre von Libretti so selbstverständlich zum Alltag des musikalischen Theaters wie der Besuch von Aufführungen. Nicht zuletzt, weil sie dem Publikum oft eine Kurzfassung von Bestsellern boten. Im 19. Jahr­hundert traten dann immer mehr Opern­figuren als Erzähler auf. Tannhäusers Bericht aus Rom ist nur ein berühmtes Beispiel. Wie sich die ­narrativen Techniken der Oper bis in die Gegenwart entwickelt haben und welche dramatur­gischen Strategien dahinter stecken, das versucht unser Essay in einer exemplarischen Tour d’Horizon zu verfolgen.

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Die Substanz einer Oper ist das Sichtbare, nicht das Erzähl­bare», stellte der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus einmal kategorisch fest. Dem Opernliebhaber fallen freilich auf Anhieb etliche Szenen ein, in denen recht hemmungslos erzählt wird: Lohengrins Gralserzählung, Wotans großer Monolog im zweiten Akt der «Walküre», die Mägdeerzählung des Ochs auf Lerchenau oder auch das Vilja-Lied in der «Lustigen Witwe». Oft sind solche Passagen von zentraler Bedeutung für das Verständnis des betreffenden Werkes.

Sollten sie dennoch mit der «Substanz der Oper» nichts zu tun haben?
Vermutlich hat Dahlhaus es anders gemeint. Ein Beispiel: Im zweiten Akt der «Zauberflöte» erläutert die Königin der Nacht Pamina, ihr Vater habe den siebenfachen Sonnenkreis, Instrument und Symbol seiner Herrschaft, nicht ihr, sondern Sarastro und den Eingeweihten hinterlassen: «Mit deines Vaters Tod ging meine Macht zu Ende.» Das wirft nun einige Fragen auf: Wie konnten Sonne(nkönig) und (Königin der) Nacht in anscheinend harmonischer Ehe leben? Hat die «Nacht» sich der überlegenen «Sonne» unterworfen? Was konnte der Verlust des Sonnenkreises ihrer (dunklen) Macht anhaben (zumal sie laut Libretto zwar den ...

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Opernwelt August 2007
Rubrik: Thema, Seite 40
von Albert Gier

Vergriffen
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