Flucht in die Anderswelt
War Camille Saint-Saëns schwul? Dino Hecker hat zu dieser These einige Indizien zusammengetragen: die starke Mutterbindung, das Scheitern der Ehe und die vielen Reisen nach Nordafrika, «wo Dinge möglich waren, die in Europa als verpönt galten». Lassen sich in Ariadne und Zerbinetta homosexuelle Prototypen erkennen? Ja, sagt Rainer Falk: «die Drama Queen und die Schlampe».
Und Sven Limbeck zitiert in seiner Analyse von «Hänsel und Gretel» Christian Thielemann, der 2015 anlässlich einer Wiener Neuproduktion über die Besetzung der Hexe mit einem Tenor sagte: «Sie können es auf Ambiguität machen, um nicht zu sagen ‹schwul› machen. Aber so war das nicht gemeint.»
Seit der Erfindung des Genres haben sich schwule Männer für die Oper begeistert. Für viele Homosexuelle, die ihren Gefühlen nur im Verborgenen freien Lauf lassen konnten, wurde die Welt des Musiktheaters zum Schutzraum. «Das Theater ist ein realer Ort, der einerseits soziale Zugehörigkeit ermöglicht und andererseits im Spiel auf der Bühne ‹Anderswelt› erzeugt», schreiben die Herausgeber von «Casta Diva». «Hinter dem Vorhang öffnet sich ein Raum, in dem die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft nicht gelten.» Sven Limbeck und ...
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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Frederik Hanssen
Christina Pluhar hat 2005 mit der Sopranistin Véronique Gens eine CD mit vokaler Kammermusik von Luigi Rossi (1597-1653) aufgenommen. Ein Rechtsstreit verhinderte damals das Erscheinen, nach dessen Beilegung die von Rossi begeisterte Pluhar sie jetzt um zwei weitere CDs mit Kantaten des diskografisch bislang nur unzureichend gewürdigten römischen Komponisten...
Gender bending, gender crossing – es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis die Duden-Redaktion diese Begriffe dem deutschen Wortschatz zuschlägt. Längst sind sie dem akademischen Milieu ent- und in der Alltagssprache angekommen. So wie das inszenierte Spiel mit verkehrten oder gemischten Geschlechterrollen, die Lust auf androgyne Entgrenzung seit geraumer Zeit im...
An «La Bohème» führt kein Weg vorbei; Puccinis Oper muss man einfach lieben. Ein Rührstück, gewiss, aber eines, dessen emotionale Kraft auch heute noch ungebrochen ausstrahlt. Im Theater Basel wird es unterstrichen durch das Sinfonieorchester der Stadt, das unter der Leitung der neuen Basler Musikdirektorin Kristiina Poska seine Funktion voll ausspielt – in...
