Familientragödie
Das Bild könnte trostloser kaum sein: eine junge Braut, allein am lieblos gedeckten Tisch, im hochgeschlossenen, schwarzen Kleid, mit bleichen Wangen, den Blick ins Irgendwo gerichtet. Wie eine leere Hülle sitzt da die schöne Jenufa, schutzlos und scheu, aber es scheint, als würde sie von dem, was um sie herum geschieht, gar nichts mehr mitkriegen. Als sei sie innerlich bereits tot.
Gäbe es nicht die kaleidoskopische Musik, man wähnte sich spätestens jetzt in einem Stück von Ibsen, wiewohl mit parabelhaft-proletarischem Einschlag.
Exakt in diese Richtung steuert Ingo Kerkhof in seiner konzentriert-elaborierten Wiesbadener Inszenierung. Er sucht erst gar nicht nach planer Verheutigung oder nach Ideenansätzen, die tagespolitische Aktualität simulieren. Kerkhof bleibt ganz eng beim Stoff, in dessen temporärer Verortung, in seinem trist-trüben Kern. Der Prolog zeigt es: Noch bevor Generalmusikdirektor Patrick Lange den Taktstock hebt, wird in einer fünfminütigen, durch leise Folklore vom Band begleiteten Szene die komplexe Genealogie der Buryjas im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts aufgeblättert. Dem Regisseur geht es in erster Linie nicht um soziale Schieflagen, er liest das Stück ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Jürgen Otten
Er war der Marktführer im Opernbetrieb der Belle Époque. Die Häuser rissen sich um seine Stücke. Denn Jules Massenet hatte ein feines Gespür für die unlauteren Seh(n)süchte der Bourgeoisie – für eben jene von der Konvention eingehegte Lust auf emotional-erotische Verausgabung, die das Paradies verheißt, doch meist ins Verderben führt. Mit der 1884 an der Opéra...
Allzu selten dient ein Opernlibretto derzeit als echte Steilvorlage für einen Regisseur. Und wenn überhaupt, dann ist es Material, das es gegenzulesen gilt. Bei Robert Wilson ist das anders. Er bedient sich einfach bei Puccinis Textdichtern Giuseppe Adami und Renato Simoni, die ihrerseits Schillers Bearbeitung der fiabe teatrali «Turandot» des Venezianers Carlo...
Die Große Historische Oper französischen Zuschnitts kam nach den Erfolgen Meyerbeers und Halévys in den 1840er-Jahren auch bei deutschen Komponisten in Mode. Wagners «Rienzi» ist das prominenteste Beispiel, große Beachtung fanden seinerzeit auch die Opern von Franz Lachner und Peter Joseph von Lindpaintner. Zwei Mitschnitte konzertanter Aufführungen rufen ihre...
