Der Preis ihres Lebens
Wie haben wir ihn nicht geschmäht: als Traditionalisten, als Katholiken, gar als Boulevardisten. Das war zu Zeiten, da Darmstadt noch den Vatikan der Neuen Musik beherbergte. Sie sind längst vorbei. Heute blickt man entspannter auf die Musik von Francis Poulenc, zum Beispiel auf die «Dialogues des Carmélites», Poulencs religiöse Oper von 1956 – zumal wenn sie so schlüssig dargeboten wird, wie es dem Opernhaus Zürich gelungen ist.
Ein großartiges, ganz und gar eigenständiges Werk, so zeigt es der Abend.
Eines, das zwar am Rand des Repertoires steht, sich dort aber stark und selbstbewusst gibt. Was Oper ausmacht, ist kaum vorhanden. Es gibt weder Arien noch Ensembles, keine Liebesgeschichte, auch fast keine Handlung. Und: Es gibt keine Männer; die wenigen Vertreter des (vermeintlich) starken Geschlechts fungieren als dramaturgische Dienerschaft. Im Zentrum steht eine Gruppe von Nonnen aus dem Orden der Karmeliterinnen, die im Sommer 1794, der Terror der Französischen Revolution stand auf seinem Höhepunkt, aus ihrem Kloster vertrieben, zum Ablegen der Tracht gezwungen und schließlich unter einem hanebüchenen Vorwand guillotiniert wurden. Unter ihnen Blanche, eine junge Frau adliger ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von
Es gibt viele Lieder, «die heute vergessen und abgetan sind», schreibt Thomas Mann 1930 in den Erinnerungen an seine Mutter und bricht eine Lanze für Eduard Lassen, «einen Musiker etwas süßlichen Geschmacks …, der es aber ein paarmal in Verbindung mit Heinrich Heine zu einer sensitiven Ironie des Ausdrucks bringt, die mir unvergesslich ist». Am Ende des 19....
Performative Energien
Ein Multitalent? Es ist anzunehmen. Sirje Aleksandra Viise, die in den USA und in Berlin studierte und sich danach auf die zeitgenössische Musik und Kunst stürzte, ist nicht nur eine Expertin für besondere Klangwelten, sie liebt auch das Experimentelle an sich. Ihre Abende sind mehr als nur reine Aufführungen, sie sind vor allem eindrucksvolle...
Ulrich Schreiber hatte, wie meist, recht. Verdis «Don Carlos» ist und bleibt das «Phantom einer Oper», ein «Hauptwerk des 19. Jahrhunderts», das aufgrund seiner vielen Fassungen immer wieder in anderer Gestalt auftritt. Auch in Basel. Die Neuproduktion beruft sich auf die Pariser Version von 1867, arbeitet aber mit Strichen und Modifikationen. Und so beginnt der...
