Entfesseltes Theater
Dem Regisseur Dietrich Hilsdorf ist es gelungen, sich seit mehr als zwei Jahrzehnten den Ruf eines ewig jungen Wilden zu bewahren. Opernwerke wirken auf ihn wie Festungsanlagen. Diese wollen beschossen und danach erstürmt sein. Was danach kommt, präsentiert sich unterschiedlich. Entweder wird die Festung wieder aufgebaut, oder sie wird geschliffen. Dann bleibt vom ursprünglichen Bau nicht mehr viel übrig. Vor dreiundzwanzig Jahren hat Hilsdorf in Gelsenkirchen schon einmal Verdis «Otello» inszeniert. Jetzt also mit gewachsenen Erfahrungen am Theater Bonn.
Wenn der Vorhang hochschnellt, der Sturm im Orchester losbricht, blickt man sozusagen vom Kopfende her ins Schlafgemach Desdemonas, das sich auf einem hohen Podest, als Bühne auf der Bühne, befindet. Von allen Seiten stürmt der Chor auf die Szene, steigt durch Fenster, Türen und andere Öffnungen ins Schlafzimmer, wo Desdemona mit dem Volk ängstlich zum imaginären Meer im Zuschauerraum blickt. Wird sich der geliebte Mann und große Feldherr aus der Seenot retten können? Aus einer Luke unterhalb des Podests kriechen einige Arbeitsleute hervor, eilen durchs Parkett zum unsichtbaren Strand (dem Foyer) und schleppen den erschöpften ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Eine Gesamtauslastung von 92 Prozent mit einem Zuwachs um vier Prozent und leicht gestiegene Abonnementzahlen konnte Albrecht Puhlmann, der im vergangenen Jahr Klaus Zehelein als Intendant der Staatsoper Stuttgart beerbte, zur Halbzeit seiner ersten Saison vorweisen. Die Zahlen also stimmen. Aber stimmt auch die künstlerische Bilanz, die sich jetzt am...
Philippe Quinault war für Jean-Baptiste Lully so etwas wie Da Ponte für Mozart: ein umsichtiger Dichter, der von der Bühne her kam und genau wusste, was ein Libretto braucht und worauf es besser verzichtet, um bei der Zensur durchzugehen und beim Publikum anzukommen.
Quinault und Lully hatten vor ihrer Oper «Thésée», die im Januar 1675 im Schloss von...
Einen «Tannhäuser» komplett aus dem eigenen Ensemble zu besetzen, schafft derzeit kaum ein Opernhaus. Für das Theater Hagen ist es kein Problem. Zwar singt die Sopranistin Dagmar Hesse gleich beide große Frauenrollen, aber dass Venus und heilige Elisabeth zwei Seiten der Weiblichkeit darstellen, ist ja ein bereits erprobtes und schlüssiges Regiekonzept. Zumal...
