Energiebündel

Zum Tod des großen japanischen Dirigenten Seiji Ozawa

Opernwelt - Logo

Das Bonmot hat das Zeug zum Kult: «Am Anfang war der Rhythmus.» Und mochte dieser apodiktische Ausspruch eines Klavierprofessors der Detmolder Musikhochschule auch auf einen seiner Studenten gemünzt sein, der bei aller Expressivität den Takt nicht so akkurat zu halten vermochte wie von höherer Stelle erbeten, so besitzt er doch bis heute Gültigkeit: Eine Interpretation kann noch so geschliffen sein, noch so kantabel, kultiviert und sogar klandestin, ohne das richtige Metrum verharrt sie letztlich im Vagen.

Es fehlt das geeignete Gerüst, an welchem die Blumen blühen und sich emporranken können. Bei Seiji Ozawa musste man dergleichen nie fürchten. Er war der Rhythmus in Person. Ein Energiebündel (was seine wallende Mähne, wenn sie um den Kopf herumstob, stets auch bildhaft beglaubigte) und nicht selten sogar ein Vulkan, aber eben auch ein Musiker, dem die Präzision über alles ging: Erst über diese Brücke musste eine Wiedergabe gehen, wollte sie den Anspruch des Erhabenen einlösen. Darauf achtete Ozawa wie Fafner auf seinen Hort.

Seine Erscheinung indes war nicht die eines Riesen. Sondern eher die eines Athleten. Dennoch glich sein Auftreten jenem Ideal, das Harold Schonberg in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2024
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Flammenopfer

Betritt man den Zuschauerraum des Grand Théâtre de Genève, ist die Musik schon da. Kojack Kossakamvwe, begnadeter Gitarrist aus dem Kongo, sitzt vor dem Eisernen, ganz im Eck, und flicht seine schier unendlichen Girlanden voller Funk und zersplitternder Melodien. Schon ist man dort, wo dieser Abend angesiedelt ist – in Afrika, genauer: im Kongo. Passend dazu die...

Es war die beste Zeit

Das Vorwort ist ein Gedicht. Kraftvoll, wortmächtig, poetisch aufgeladen. Geschrieben hat es ein Mitstreiter aus guten, alten Zeiten, der (hochbegabte) Schauspieler und (nicht ganz so begabte) Regisseur Sven-Eric Bechtolf. Und mag er Jürgen Flimm, diesem großen, am 4. Februar 2023 verstorbenen (Musik-)Theatermann, auch einen schmucken Lorbeerkranz ums Haupt winden,...

Sternengesang

Benjamin Brittens grandioser Opernerstling «Peter Grimes» gehört zu den wenigen Werken des modernen Musiktheaters, die Eingang ins Repertoire auch kleinerer Bühnen gefunden haben. Dabei stellt das Stück um den tragischen Outcast, der von den bigotten Bewohnern eines englischen Fischerdorfs in den Tod getrieben wird, allein schon aufgrund des groß -besetzten...