Energiebündel
Das Bonmot hat das Zeug zum Kult: «Am Anfang war der Rhythmus.» Und mochte dieser apodiktische Ausspruch eines Klavierprofessors der Detmolder Musikhochschule auch auf einen seiner Studenten gemünzt sein, der bei aller Expressivität den Takt nicht so akkurat zu halten vermochte wie von höherer Stelle erbeten, so besitzt er doch bis heute Gültigkeit: Eine Interpretation kann noch so geschliffen sein, noch so kantabel, kultiviert und sogar klandestin, ohne das richtige Metrum verharrt sie letztlich im Vagen.
Es fehlt das geeignete Gerüst, an welchem die Blumen blühen und sich emporranken können. Bei Seiji Ozawa musste man dergleichen nie fürchten. Er war der Rhythmus in Person. Ein Energiebündel (was seine wallende Mähne, wenn sie um den Kopf herumstob, stets auch bildhaft beglaubigte) und nicht selten sogar ein Vulkan, aber eben auch ein Musiker, dem die Präzision über alles ging: Erst über diese Brücke musste eine Wiedergabe gehen, wollte sie den Anspruch des Erhabenen einlösen. Darauf achtete Ozawa wie Fafner auf seinen Hort.
Seine Erscheinung indes war nicht die eines Riesen. Sondern eher die eines Athleten. Dennoch glich sein Auftreten jenem Ideal, das Harold Schonberg in ...
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Opernwelt März 2024
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Jürgen Otten
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