Der Zauber des Androgynen
Er war einer der größten Sänger des 20. Jahrhunderts und ist doch kaum bekannt – der 2016 verstorbene US-Amerikaner Russell Oberlin. 1959 nahm er ein Recital mit Händel-Arien auf, das zweifelsohne zu den Glanzlichtern des Barockgesangs gehört. Darunter befindet sich auch die Arie «Ombra cara di mia sposa», in der Radamisto den vermeintlichen Tod seiner Frau Zenobia beklagt.
Was wir hören, ist ein unvergleichlicher Zauber, der uns mit der elegischen Süße des Timbres, einer in makellosem legato dahinströmenden Kantilene, nicht zuletzt der sanften Gewalt des Ausdrucks bannt – neun Minuten für die Ewigkeit, die selbst das seifige, viel zu dick besetzte Orchester nicht beeinträchtigen kann.
Was man vernimmt, ist weder die Stimme eines Mannes noch die einer Frau, weder die eines Altisten noch die einer Altistin – es ist der gleichsam zweigeschlechtliche Klang eines androgynen Wesens. Vielleicht kam kein moderner Sänger der Altkastraten- oder Mezzo-Stimme, für die Händel und seine Zeitgenossen komponierten, so nahe wie Oberlin. Er war kein Countertenor (obwohl fälschlich stets als ein solcher bezeichnet), der das Kopfregister mit dem Falsett bildet, sondern ein genuiner Tenor, der seine ...
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Opernwelt März 2024
Rubrik: Medien, Seite 24
von Uwe Schweikert
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