Einfach raffiniert
Allzu selten dient ein Opernlibretto derzeit als echte Steilvorlage für einen Regisseur. Und wenn überhaupt, dann ist es Material, das es gegenzulesen gilt. Bei Robert Wilson ist das anders. Er bedient sich einfach bei Puccinis Textdichtern Giuseppe Adami und Renato Simoni, die ihrerseits Schillers Bearbeitung der fiabe teatrali «Turandot» des Venezianers Carlo Gozzi aufgriffen.
Wie sich die Bilder gleichen.
Als Ping, der Kanzler, sich vom furchtbaren Alltag am Hofe des Kaisers Altoum und dessen Tochter Turandot, die einen potenziellen Ehemann nach dem anderen einen Kopf kürzer machen lässt, einfach mal hinwegträumt in sein Haus in Honan, da schwärmt er baritonwarm vom «laghetto blu» seines Heims. Und siehe da: Wilson, der Magier des Musiktheaters, zaubert diesen «blauen Teich» auf die Bühne – als eine lichtsatte blaue Stunde.
Diese Utopie aus Farbe, die von einer kleinen, heilen Welt der drei Minister kündet, wird einen Akt später wiederkehren, in der ersten, alles entscheidenden Begegnung zwischen Turandot und Calaf. So märchenhaft einfach in den Bedeutungsebenen wie raffiniert in der Ausführung arbeitet Wilson farbsymbolisch weiter. Turandot trägt rot. Und mit dem Kuss des ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Peter Krause
Auf dem Boulevard nachts um halb eins. Eine illuster-sinistre Männerrunde hat sich versammelt, Studenten sind’s, dem Anschein nach aus gehobenem Hause, die seidenschwarzen Paletots und eleganten Zylinder verraten aristokratische Herkunft. Ganz gegenteilig aber die Gesinnung der feinen Herren. Sie sind gekommen, um bei «Lutter & Wegner» ihre Kehlen zu kühlen und...
Schon das erste Bild macht frösteln: In tiefster Schwärze liegt die riesige Bühne der Bastille-Oper zu Beginn von «Simon Boccanegra». Weißes Licht aus diffusen Quellen vereist den Blick, den ein gigantischer Schiffsrumpf bannt, der sich immer mächtiger auf die Drehbühne schiebt. Ein Kriegsschiff wohl, anscheinend noch im Bau, die metallene Außenhaut ist noch nicht...
Am Anfang war der Kuss. Innig umschlungen stehen eine Frau und ein Mann in der Bühnenmitte, liebkosen sich mit der Zärtlichkeit des ersten Mals und wollen selbst dann nicht voneinander lassen, als das aus dem Raunen der Kontrabässe sich entwickelnde, initiale Es-Dur anschwillt zum Wagner’schen Klangstrom, der vom Werden der Welt kündet. «Weia! Waga! Woge du Welle»...
