Prinzip Hoffnung
Am Anfang war der Kuss. Innig umschlungen stehen eine Frau und ein Mann in der Bühnenmitte, liebkosen sich mit der Zärtlichkeit des ersten Mals und wollen selbst dann nicht voneinander lassen, als das aus dem Raunen der Kontrabässe sich entwickelnde, initiale Es-Dur anschwillt zum Wagner’schen Klangstrom, der vom Werden der Welt kündet. «Weia! Waga! Woge du Welle» intonieren die Rheintöchter die ersten Worte der Tetralogie.
Das junge Paar presst weiterhin die Lippen aufeinander, hat nur Augen für sich, auch dann noch, als mit dem Auftritt Alberichs der unschuldige Urzustand des Menschseins in Gefahr und aus dem Lot gerät.
Doch zunächst zeigt Stephen Langridge uns mit diesem wunderbar einfachen Bild, das die erste vollständige «Ring»-Inszenierung in Göteborgs Opernhaus eröffnet, dass man Archetypen sehr wohl ganz konkret lesen darf. Zwar ist die «Edda» hier im Norden durchaus eine vertraute Geschichte, doch die Menschen der Stadt am Kattegat sind «Ring»-Novizen. Also erzählt der regieführende Intendant (und designierte Direktor des Glyndebourne Festivals) den Plot so deutlich, direkt und anti-illusionistisch, wie Evan Rogister im Graben dirigiert: dezidiert unmystisch, rhetorisch ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Peter Krause
Der 1. Oktober 2013 war ein schwarzer Tag im Opernbetrieb der USA. An jenem Dienstag erklärten die Verantwortlichen der New York City Opera die Zahlungsunfähigkeit des Hauses und kündigten die Schließung an. Sieben Jahrzehnte waren damit Geschichte, zugleich war die Abwicklung krasses Sympton einer allgemeinen Krise. Wie die US-amerikanischen Symphonieorchester...
Drei verschiedene Opern an drei aufeinanderfolgenden Tagen: Was in Berlin oder Wien noch immer selbstverständlich scheint, ist in Italien eine Attraktion. Längst hat restriktive Kulturpolitik die einst blühende Opernlandschaft zwischen Triest und Catania zerschlagen. Ausgenommen sind ein paar Leuchttürme wie La Scala oder das Orchester der Accademia di Santa...
Ein «begnadeter Zauderer» sei er, ein «Moralist der Kunst», ein «Grübler und Skeptiker, der alles, was er singt, hinterfragt – auch und vor allem sich selbst und seinen Gesang». Mit diesen Worten hat der Germanist Dieter Borchmeyer vor neun Jahren in einer Laudatio die Persönlichkeit Christian Gerhahers umrissen (siehe OW-Jahrbuch 2010). In der Tat: Es gibt...
