EIN WAHNSINN
Es kann nicht gutgehen. Dieser Hermann ist ein hoffnungsloser Fall, ein einsamer Trinker, er gehört nicht dazu und läuft durch die Welt wie ein Wozzeck durch Sankt Petersburg. Beim fatalen Kartenspiel schaut er nur zu, und von der jungen Frau, die er anbetet, will er nicht einmal den Namen wissen, damit die Projektion nicht von der Wirklichkeit gestört wird.
Und als sich Lisa, gerade mit dem Fürsten Jelezki verlobt, für Hermann eigentlich unerreichbar, ganz unwahrscheinlicher Weise doch diesem Unglücksvogel hingibt (oder vielmehr seinem Wahn absoluter Liebe), ist es eine Katastrophe, die sie nicht überlebt. So wie sein Spiel um alles oder nichts am Ende mit nichts endet, weil das Geheimnis der Karten, das ihm der Geist der alten Gräfin geflüstert hat, beim Showdown mit Jelezki nicht funktioniert. Er kann sich nur erschießen. Ein Verhängnis schwebt über ihm, und Tschaikowskys Musik zieht uns, die Zeugen eines nicht abwendbaren Schicksals, tief hinein in den Strudel dieses Unglücks, mit ihren pulsenden Ostinati, dem stur dräuenden Klopfen des Dreikartenmotivs, mit ihrem unerbittlichen Vorwärtsdrängen, den romantischen Großgesten und dann wieder Momenten depressivster ...
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Opernwelt 6 2022
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Holger Noltze
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