Ein tiefes Bedürfnis
Herr Goerne, Sie kommen gerade aus San Francisco. Hat sich das Leben, die Stimmung in den Vereinigten Staaten spürbar verändert, seit Donald Trump Präsident ist?
Zunächst: Die USA haben genau den Präsidenten, den sie verdienen. Die Bildung befindet sich auf einem furchtbaren Niveau, die meisten Menschen schuften nur noch für die Miete, bis zu 15 Stunden pro Tag. Da liest am Abend keiner mehr ein Buch. Aber dieser Zustand ist nicht neu. Er musste nur lange genug dauern, bis einer wie Trump Präsident werden konnte. Schlimm war es auch schon vorher.
Ich fürchte, dass das genau so gewollt ist: auf der einen Seite die ungebildete, leicht manipulierbare Masse mit Heerscharen von Obdachlosen; auf der anderen wenige Superreiche. Die Eliten haben meines Erachtens total versagt.
In einem solchen Umfeld die «Michelangelo-Suite» von Schostakowitsch oder Lieder von Schumann vorzutragen – ist das nicht anachronistisch?
Mag sein. Aber das muss ich ausblenden. Zumal mein Bestreben ein anderes ist: Ich will Kunst machen. Und ich denke dabei nie an materielle Dinge. Irgendwann, wenn man als Künstler erfolgreich ist, verdient man natürlich auch ganz gut. Aber das ist relativ, wenn man an die Einkommen ...
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