Editorial Opernwelt 4/26
Für eingefleischte Wagnerianer, die sich trotz winterlicher Kälte auf den Weg in die Hamburgische Staatsoper begeben hatten, wurde der 18. Januar 1998 zum Tag des Zorns. An diesem Abend trat die Sünde in die Welt, Sodom und Gomorrha gewissermaßen. Und all jene Jünger, die sich gottgleich im Besitz der Wahrheit wähnten, vereinten sich daraufhin zum erzreaktionären Mob, um den Scharlatan abzustrafen, der solche unsittlichen Ausschweifungen befohlen und damit ein Sakrileg begangen hatte.
Gegen ihn, den Luzifer der Opernregie, richtete sich ihre geharnischte, ja, beinahe biblische Wut, und also ließ die Prätorianergarde des Bayreuther Meisters bald nach dem Verhauchen des letzten Fis-Dur-Akkords ein Gewitter über das Haupt des Frevlers herniederfahren, auf dass sich die heiligen Hamburger Hallen in einen Gerichtssaal verwandelten. Peter Konwitschny hieß der Angeklagte, und er wurde von der Inquisition für schuldig befunden, hatte er doch die Dreistigkeit besessen, die hehre romantische Oper «Lohengrin» aus ihrer Verankerung zu reißen, sie in die wilhelminische (recte: präfaschistische) Epoche und dortselbst in ein Schulzimmer zu verlegen, in dem lauter unmündige Kaiserzeit-Kinder ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Exakt 200 Jahre nach seiner Londonder Uraufführung 1724 ging Händels «Tamerlano» erstmals wieder über die Bühne – in Karlsruhe. Nun, bei der Eröffnungsinszenierung der Händelfestspiele, gibt Kobie van Rensburg den Gesamtkunstwerker: Er hat Raum und Kostüme entworfen, er inszeniert, und er kreiert mit Hilfe von KI-Programmen diverse Bildebenen.
Die Illusionswelten...
Die Faszination von Musikern aus dem United Kingdom für die tschechische Musik ist ein Phänomen. Charles Mackerras war lange Zeit der führende Dirigent in Sachen Janáček, in seine Rolle ist mittlerweile Simon Rattle geschlüpft. Brian Large wiederum, der führende Opern- und Klassik-TV-Regisseur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, berichtet in seiner kürzlich...
Weil hier die Männer das Wort führen, setzt die Regisseurin Elisabeth Stöppler unmittelbar einen Akzent. Zum Vorspiel zeigt sie Eva, die Tochter des megareichen Pogner, in einem schmalen White Cube als Intellektuelle: Kurzhaarfrisur, Schülerin von Hans Sachs, dem Poetik-Professor im Nebenberuf, der ihr eben ein Lied verreißt. «Fanget an! So rief der Lenz in den...
