Susanne Mentzer; Foto: Ken Howard
Editorial Dezember 2017
Im Herbst 2016 veröffentlichte die amerikanische Mezzosopranistin Susanne Mentzer im Online-Journal «Huffington Post» einen bemerkenswert offenen Text über ihre Erfahrungen im Musikbusiness. Über die gern beschwiegene Praxis etwa, dass Sängerinnen im Schnitt niedrigere Gagen erhalten als ihre männlichen Kollegen, selbst wenn die Aufgaben – Umfang und Schwierigkeitsgrad der Rollen – vergleichbar sind.
Vor allem aber schrieb sich da eine seit bald vier Jahrzehnten auf der Konzert- und Opernbühne aktive Künstlerin den Frust von der Seele, die sich immer wieder als Objekt zweifelhafter Avancen fühlte. Als Gegenstand anzüglicher Bemerkungen, obszöner Sprüche, übergriffiger Näherungen. Namen werden nicht genannt, die Vorfälle sollen für sich sprechen. Die Sache mit dem berühmten, hochgeschätzten Dirigenten zum Beispiel, der sie unmittelbar vor einer Aufführung in der Garderobe bedrängte und, nachdem sie ihn abgewiesen hatte, nie mehr engagierte. Oder die Geschichte mit dem weltweit gefragten, einflussreichen Sänger, einem «echten Familienmenschen» und «wahren Anwalt der Künste», der für Produktionen, in denen er mitwirkte, die Besetzung bestimmen konnte: Als er merkte, dass seine Nachstellungen ins Leere liefen, wurde die zuvor Umworbene nicht mehr eingeladen.
Bemerkenswert ist der Text auch deshalb, weil Mentzer keineswegs das emotionale Wechselbad der geschilderten Erlebnisse verschweigt – das Nebeneinander von Freude über die schmeichelhafte Aufmerksamkeit bewunderter Stars und stiller Wut angesichts zweideutiger Anmaßungen. Auch wenn die Autorin für sich klar zwischen Flirt und Belästigung unterscheidet, macht ihr Bericht zugleich deutlich, dass rote Linien meist in einer Grauzone verlaufen – einem Spannungsfeld, das erotische Beziehungen aus freien Stücken ebenso kennt wie die sexuelle Überrumpelung, das romantische Abenteuer ebenso wie die (erzwungene) Affäre zur Beförderung der Karriere. Eines steht allerdings fest: Die Spielregeln bestimmt, wer die Macht hat. Und die liegt im klassischen Musikgeschäft, wie in fast allen Branchen, nach wie vor fast ausschließlich in der Hand von Männern.
Das ist der Kern der aktuellen, durch den (Extrem-?)Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein ausgelösten Debatte um Sexismus und sexuelle Gewalt im Kulturbetrieb. Es geht darum, den Blick auf Machtstrukturen bzw. Abhängigkeitsverhältnisse in Theatern und Opernhäusern, bei Festivals und Wettbewerben zu richten, auf die Realität einer männlichen Verfügungskultur über Menschen und Ressourcen. Die «Besetzungscouch» steht nicht nur in Hollywood, sondern auch in manchem Intendantenzimmer. Und sie ist nicht nur ein Möbel fürs einvernehmliche Vergnügen, sondern häufig genug handfestes Machtinstrument. Viele (junge) Künstlerinnen, aber ebenso schwule Männer, die im Theater Fuß zu fassen hoffen, wissen davon ein Lied zu singen. Aber sie haben es für sich behalten. Aus Scham oder aus Furcht, sich die Zukunft zu verbauen. Wie Susanne Mentzer: Hätte sie damals offiziell Beschwerde eingelegt, davon ist sie noch heute überzeugt, wäre ihre Laufbahn wohl schnell beendet gewesen. Höchste Zeit, den Betroffenen zuzuhören, mit Bedacht, Sensibilität, aber auch hellhöriger Distanz zu einer allein auf Gerüchten beruhenden Rhetorik der Denunziation. Und dafür zu sorgen, dass Sexismus – welcher Orientierung auch immer – keinen Platz hat.
Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten & Albrecht Thiemann
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