Dreamland: insolvent
Vielleicht ist die Spitze des Bleistifts, mit dem François-Xavier Roth an diesem Abend dirigiert, der Fluchtpunkt, jedenfalls das Kraftzentrum des Ganzen. Vielleicht hat er kurz zuvor mit eben diesem Stift noch Ausrufezeichen und das eine oder andere «Voilà!» in Humperdincks Partitur hineingeschrieben. Immerhin zählt er «Hänsel und Gretel» zu den am besten komponierten Opern des späten 19.
Jahrhunderts, und ebenso körpersprachlich engagiert scheint er dem Gürzenich-Orchester zu signalisieren: «Schaut, was er da macht! Toll!» Weich und warm und so leise wie möglich setzen die Blechbläser gleich mit dem «Abendsegen»-Choral ein, dann zart eingehüllt in dunklen Streicher-Samt. Roth nimmt Humperdincks zur durchschlagenden Wirkungslosigkeit eines Weihnachtsklassikers geratene Erfolgsoper, zwischen Wagner-, Märchen- und erfundenem und echtem «Volks»-Ton ganz ernst und sehr en détail, findet die schwierige Balance von Raffinesse und Schlichtheit. Das bekommt dem symphonischen Märchen bestens, und gleich der Anfang gerät schon fast zu schön, um wahr zu sein.
Ist es, sobald es szenisch los geht, dann auch nicht. Wir schauen auf die Reste eines offenbar insolvent gegangenen Vergnügungsparks ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Holger Noltze
Als «duftiges Amalgam» der Bestandteile des Opéra-comique-Prinzips hat Ulrich Schreiber Jules Massenets Oper «Manon» einmal bezeichnet. Was darin mitschwingt: Da setzt sich auf einer szenisch-musikalischen Ebene etwas in einer Ästhetik der Flüchtigkeit, der Momentaufnahmen zusammen: Die Oper, so könnte man es interpretieren, wird zum Film.
Peter Carp muss das...
An einer Stelle wird Titus Engel, neben Kirill Petrenko «Dirigent des Jahres» 2020 in der «Opernwelt», an diesem Abend in der Bayerischen Staatsoper vom pandemiebedingt geviertelten Publikum für mehrere Sekunden unterbrochen. «Buh»-Stürme verhindern kurzzeitig sein Weiterdirigieren. Dabei kann Engel überhaupt nichts dafür, dass sich hier – im eiskalten München –...
Als «Schöpfer eines ganz neuen Geschmacks» hat Christian Friedrich Daniel Schubart den von 1754 bis 1769 als Kapellmeister am württembergischen Hof wirkenden Niccolò Jommelli gerühmt. Was Schubart meinte, wird beim Hören der 1766 in Ludwigsburg uraufgeführten Oper «Il Vologeso» schnell deutlich. Der Stoff aus der antiken Geschichte samt seinem Happy End – der...
