Dream first, then budget
Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte. Aber es ist eben passiert, vor vielen, vielen Jahren. Und die Art und Weise, wie Nagano die Geschichte erzählt, ist wirklich angetan, den Leser leise und verständnisvoll schmunzeln zu lassen.
Was vorgefallen war? Ganz einfach: Sarah Caldwell, die allmächtige und arbeitswütige Chefin der Opera Company of Boston, hatte ihrem Assistenten über Nacht eine mehr als herkulische Aufgabe erteilt: Er möge doch bitte binnen acht Stunden, also bis zur Morgenprobe, eine bestimmte Passage aus Offenbachs opéra bouffe «Orpheus in der Unterwelt» neu arrangieren, einen geschmeidigen Übergang zur nächsten Szene komponieren und das Ganze auch in die einzelnen Orchesterstimmen übertragen. Der eifrige Lehrling, wie Nagano sich selbstironisch rückblickend nennt, tat sein Bestes, um ein Zauberlehrling zu sein, vergaß aber in der Hektik der ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 34
von Jürgen Otten
Jahrhundertsängerin
Sie wusste, wann sie aufhören musste. 1973, im Alter von 51 Jahren, stand Renata Tebaldi als Desdemona in Verdis «Otello», einer ihrer Paraderollen, letztmalig auf der Bühne der Metropolitan Opera, jenem Haus, an dem sie 17 Jahre lang fast alle großen Sopranrollen gesungen hatte: Tosca, Violetta Valery, Aida, Amelia, Maddalena, Mimì, Manon...
Es ist weder die Frauenkirche noch das Maximilianeum, nicht einmal das Dach des benachbarten Nationaltheaters. Wenn Vladimir Jurowski aus seinem Büro schaut , blickt er auf Balkone vor schicken Wohnungen. «Wahrscheinlich wohnt da gar keiner», sagt er schulterzuckend. Anlageobjekte also? Auch diese Aussicht wäre damit typisch münchnerisch.
Wie man sieht, muss sich...
So leicht ist Leonora nicht zu entführen: Wenn Luna sie am Ende des zweiten Teils mit seinen Soldaten dem Kloster entreißen will, greifen erstmal die Nonnen selbst zum Colt. Zu heikel wird den geistlichen Damen das Ganze erst, als auch noch Manricos Mannen in Cowboykluft die Bühne stürmen. Ein für Peter Konwitschny typischer V-Effekt, der das Melodramatische in...
