Wie aus Seide gesponnen
Den Brüdern Edmund und Jules de Goncourt verdanken wir nicht nur einen renommierten französischen Literaturpreis, sondern auch den Aphorismus, die Anekdote sei der Groschenbasar der Geschichte. Mit Letzterem kokettierte zweifellos Rosina Storchio (1872–1945), Puccinis erste Butterfly.
Denn die Diva verkörperte bei der Uraufführung von Leoncavallos «Zazà» anno 1900 nicht nur die in eine Affäre mit einem verheirateten Mann verstrickte Varietèkünstlerin Zazà, sie nahm sich, vermutlich zur Rollenvertiefung, selbst einen verheirateten Mann zum Liebhaber – Arturo Toscanini, den Dirigenten der Taufhebung. Zur interessanten Figur der Musikgeschichte wurde die Storchio indes nicht als Mätresse des Maestro, sondern als Protagonistin zahlreicher Uraufführungen von Verismo-Opern, die ihre Themen wiederum quasi aus dem Groschenbasar der Geschichte entliehen.
Eben diesen Umstand greift auch die Sopranistin Ermonela Jaho in ihrem «Anima Rara» betitelten Album auf. Es gilt als Debütrecital der Albanerin, obwohl sie ihre Jahre sängerischer Reife durchaus erreicht hat, an ersten Häusern der Welt singt und auch an einigen Gesamteinspielungen mitwirkte – zuletzt etwa als charismatische Interpretin ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 21
von Gerhard Persché
«Ein Verbrechen, das einem die Krone bringt, ist keines.» Fast beiläufig lässt Lottario, der Enkel Karls des Großen, im Rezitativ diese Bemerkung fallen. Ein Credo – nicht nur seines, sondern dieser ganzen schrecklichen Familie, überhaupt all jener, deren Macht- und Besitzgeilheit sie über Leichen steigen lässt. Der Erste verröchelt schon am Boden, während George...
Gäbe es ein Ranking derjenigen Opern, an denen sich die Probleme in Pandemie-Zeiten am treffendsten zeigen ließen, Verdis «La traviata» stünde gewiss sehr weit oben: So laboriert die Hauptfigur nicht nur an einer Atemwegserkrankung (im Stück weniger infektiös, dafür aber mit tödlichem Ausgang: Tuberkulose), sondern muss sich auch dem Druck gesellschaftlicher...
«Gleich von unbegrenztem Sehnen/ Wie entfernt von träger Ruh’/ Müsse sich mein Leben dehnen/ Wie ein Strom dem Meere zu ...» Wir wissen nicht, ob Aleksandra Kurzak dieses Gedicht von Friedrich Rückert gelesen hat; gleichwohl könnte es sehr gut als Motto über ihrem neuen Album stehen. Der Titel «Desire», den sie dem Recital gab, mag derlei Assoziationen erlauben,...
