Die Geburt des Dramas aus dem Geist des Wortes
Das Jahr 1875 war ein bedeutendes in der Geschichte der französischen Oper. Am 5. Januar wurde das Palais Garnier eingeweiht, bis 1989 der größte Theaterbau der Welt; knapp zwei Monate später fand die Uraufführung von Bizets «Carmen» statt. Paris erhielt einerseits eine Stätte, an der sich eine spezifisch nationale Gesangkultur tradieren ließ, andererseits belebte dieses Werk das internationale Repertoire und wurde alsbald zum Antidot des Wagnerismus.
Der Niedergang des französischen Gesangs spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg korrespondierte mit dem sich verfestigenden Missverständnis von Bizets Opéra comique, die fortan aufgeführt wurde, als sei sie von Puccini: mit erheblichem Hang zur Verfettung. Man höre nur Karajans orchestral aufgepumpte Wiener Aufnahme von 1963, deren Solisten einem pauschalen Espressivo erliegen. So, wie man nicht mehr die Geburt des «Carmen»-Dramas aus dem Geiste des in Melos überführten Wortes erkannte, verlor sich eben die Tradition eines eloquenten, artikulierten Singens, das in der Deklamation gründete. Die einstige intellektuell gespeiste Sublimität wich einem äußerlichen Stil. Reynaldo Hahn (der in Caracas geborene Sohn eines nach Venezuela ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Götz Thieme
Den Brüdern Edmund und Jules de Goncourt verdanken wir nicht nur einen renommierten französischen Literaturpreis, sondern auch den Aphorismus, die Anekdote sei der Groschenbasar der Geschichte. Mit Letzterem kokettierte zweifellos Rosina Storchio (1872–1945), Puccinis erste Butterfly. Denn die Diva verkörperte bei der Uraufführung von Leoncavallos «Zazà» anno 1900...
JUBILARE
Stein Winge absolvierte seine Ausbildung an der Academy of Dramatic Art in Oslo. Der Norweger, bereits als Produzent, Schauspiel- und Fernsehregisseur erfolgreich, wandte sich in den 1990er-Jahren verstärkt dem Musiktheater zu. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1993 mit seiner Lesart von Mussorgskys «Boris Godunow» am Grand Théâtre de Genève....
Lullys letzte, 1686 uraufgeführte Oper «Armide» überdauerte alle Stürme der Zeit und stand bis 1766 regelmäßig auf dem Spielplan der Pariser Opéra – in freilich zunehmend übergriffiger Bearbeitung, bis ihr schließlich Glucks Opernreform, wie der französischen Tragédie en musique insgesamt, das Lebenslicht ausblies. Als Gluck dann 1777 das Sakrileg beging, Philippe...
