Die Ecke, nicht der große Kreis
Utopie Nummer 1: Ich träume von einer Zukunft, in der das System internationaler Koproduktionen, dieser ganze internationale Opern-Supermarkt zusammenbricht. Dann werden wir uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist: statt Allgemeingültigem etwas ganz Spezielles zu erschaffen, mit speziell ausgewählten Künstlern an einem speziell ausgewählten Ort für ein ganz spezielles Publikum.
Wir sollten den Ensemblegedanken zu schätzen wissen, ebenso wie den Schöpfungsakt einer Neuinszenierung, und das nicht allein von der Konzeption bis zur Premiere, sondern für die gesamte Lebensdauer einer Produktion. […] Unser Ziel sollte das Lokale sein, nicht das Globale. Die Ecke, nicht der große Kreis. Das eigene Haus, nicht die Straße.
Utopie Nummer 2: Ich träume von einer Zukunft, in der ein internationales, von den Vereinten Nationen unterstütztes Verbot für das Wort «Regietheater» verhängt wird. Dann werden wir uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist: etwas gemeinsam zu erschaffen.
Die Kraft des Dialogs, der Zusammenarbeit, der grundlegenden Team-Arbeit zu schätzen. Sich darauf zu besinnen, dass die beste Arbeit in einem Opernhaus nicht der Erfolg einer einzelnen Person oder eines Modells ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Christoph Schlingensief war ein Passions-Künstler und Ritual-Verweser. Vieles bei ihm kam aus Wagners Opernwelt – und führte wieder in diese zurück: Das Gesamtkunstwerk wird globalisiert und lokalisiert zugleich, das gilt für Bayreuths Grünen Hügel wie für die Grünen Hügel Afrikas. Schlingensiefs Tod zwingt erneut zum Nachdenken über Kunst und Leben.
Es war gewiss...
Herr Holender, Sie haben einmal gesagt, Operndirektor sei kein Beruf, sondern eine Situation, in die man gerät. Ist ein Operndirektor jemand, der nicht weiß, welchen Beruf er verfehlt hat?
In gewissem Sinn schon. Denn man kann diesen Beruf nirgends lernen. Wer wird denn Operndirektor? Da sind einmal die Sänger am Ende einer Karriere, weil sie sich auskennen im...
In einem Darmstädter Vortrag von 1961 dachte Theodor W. Adorno darüber nach, was künstlerische Utopie bedeutet. Seine Antwort: «Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.» Das konnte, über alle Sentenzhaftigkeit hinaus, konkret auf die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre bezogen werden. Und es hatte weitreichende Folgen. In der Oper bedeutete der...
