Deutschstunde
Der Blick des Künstlers, obschon retrospektiv, war nachgerade prophetisch. Als sich Bruno Walter nach dem Zweiten Weltkrieg in der Autobiografie «Thema und Variationen» seines Lebens und Wirkens erinnerte, beschrieb er sehr präzise auch die Stimmung des Jahres 1920.
«Ich kehrte nach München zurück, wo seit dem Kapp-Putsch vom März 1920, den ein Generalstreik zum Scheitern gebracht, ein Anwachsen der Unruhe zwar nicht auf meine Tätigkeit in Oper und Konzert, aber auf meine Gedanken einwirkte, die versuchten, in den Sinn der ausgesprochenen Rechtswendung in Bayern, der mittelalterlichen geheimen Feme-Vorgänge, der rohen Gewaltakte auf der Straße und jener Bewegung einzudringen, die zu Versammlungen einer neuen Partei, mit dem künstlich und dissonant klingenden Namen
Man muss an diese Zeilen denken, wenn man im Staatenhaus zu Köln sitzt und jene «poesie- und geistvolle Umwandlung der Komödie des Aristophanes» anschaut, als welche der Dirigent der Uraufführung Walter Braunfels’ Oper «Die Vögel» ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
«Poison!» schrieb der belgische, aber in Paris lebende und lehrende Organist und Komponist César Franck in dicken Lettern auf die Partitur von «Tristan und Isolde», die in der kurzen Blütezeit des französischen Wagnérisme geradezu ein Kultobjekt unter seinen Kollegen war. Aber er konnte es nicht verhindern, dass dieses «Gift» auch bei seinen Schülern Vincent...
Die inzwischen fast zwei Jahre andauernde Corona-Pandemie hat für die Musiktheater Italiens zwei Trends verschärft, die sie vorher noch ein wenig aus der Ferne wahrgenommen hatten. Vor der Pandemie schien das allmähliche Altern des Publikums und das Abbröckeln der Nachfrage ein Problem, das man jedoch glaubte, vor allem mit Mitteln der Spielplanpolitik, lösen zu...
Still ist die Nacht, es ruhen die Gassen. In diesem Hause wohnte mein Schatz. Sie hat schon längst die Stadt verlassen. Doch steht noch das Haus auf demselben Platz.» So heißt es – von Heinrich Heine getextet und von Franz Schubert düster, ostinativ und h-Moll-existenziell in Noten gesetzt – in dem «Schwanengesang»-Lied «Der Doppelgänger». Schon immer erinnerten...
