Der Verzauberer

Jürgen Flimm über die Arbeit mit Christoph Schlingensief

Opernwelt - Logo

Da saß er nun endlich im Ruhrtriennale-Büro und redete auf mich ein. Die Haare standen ihm vom Kopf, als wäre er gerade in einen Sonnensturm geraten. Seine dunklen Augen glänzten und ließen nicht los. Er erzählte von der unterirdischen Stadt, die sich von Duisburg bis Dortmund erstreckte, von den großen Bahnhöfen untertage und wollte dort irgendwo unbedingt ein großes Objekt aufstellen. Dieser Plan schlug fehl. Zu kompliziert, zu teuer, keine Transportwege.

Was also tun mit ihm dem Oberhausener, der direkt aus dem Revier kam? Das letzte Mal hatten wir uns in der Bayreuther Kantine gesehen. Er hatte das Schicksal aller Regisseure auf dem Hügel erlitten, als sich das dortige Establishment widerborstig auch gegen ihn stellte und seine Arbeit behinderte. Sie konnten sich eben vorher nicht vorstellen, wer er war. Wir haben dann viel telefoniert, er hat mich oft gefragt, wie man den störrischen Altvorderen Paroli bieten könne. Da hatte ich Erfahrung. In einem dieser Gespräche verabredeten wir kurzerhand, er solle bei der Ruhrtriennale arbeiten.

Wir hatten freilich alle ein wenig Angst vor ihm, seiner ungebärdigen Fantasie und vor diesem extrem starken und ehrgeizigen Willen. Kann man das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2010
Rubrik: Christoph Schlingensief, Seite 74
von Jürgen Flimm

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Ecke, nicht der große Kreis

Utopie Nummer 1: Ich träume von einer Zukunft, in der das System internationaler Koproduktionen, dieser ganze internationale Opern-Supermarkt zusammenbricht. Dann werden wir uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist: statt Allgemeingültigem etwas ganz Spezielles zu erschaffen, mit speziell ausgewählten Künstlern an einem speziell ausgewählten Ort für ein ganz...

Mehr Premieren, mehr Proben, mehr Stücke

 

Herr Meyer, in einem Interview sagten Sie, das Budget der Staatsoper sei «nicht in Ordnung» – die Wiener Staatsoper erhalte zur Zeit nicht einmal die Hälfte der Subvention der Pariser Oper. Glauben Sie, das ändern zu können?
Was ich gemeint habe, ist, dass die Staatsoper seit Jahren keine Erhöhung bekommen hat. Auch wenn die Inflation in den letzten 20 Jahren ...

Tragödie aus Feuer und Licht

In einem Darmstädter Vortrag von 1961 dachte Theodor W. Adorno darüber nach, was künstlerische Utopie bedeutet. Seine Antwort: «Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.» Das konnte, über alle Sentenzhaftigkeit hinaus, konkret auf die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre bezogen werden. Und es hatte weitreichende Folgen. In der Oper bedeutete der...