Die Geburt des Gesangs aus dem Geiste der Poesie

Christian Gerhaher macht sich rar auf der Opernbühne und hat sich den Titel «Sänger des Jahres» mit nur zwei Par­tien ersungen, abgesehen davon, dass er als Liedinterpret ohnehin eine Instanz ist. An den Staatsopern in Wien und München war er als Wolfram im «Tannhäuser» zu erleben, im Theater an der Wien in der Titelpartie von Henzes «Prinz von Homburg». Beiden Rollen hat er seinen Stempel aufgedrückt – mal mit, mal ohne die Hilfe eines Regisseurs. Einen «begnadeten Zauderer» nennt Dieter Borchmeyer in seiner Laudatio diesen Bariton, der totale Identifikation vermeidet und seine Hörer trotzdem erreicht und begeistert.

Kaum ein Sänger hat in jüngster Zeit Publikum und Kritik so fasziniert und zu beinahe widerspruchsloser Zustimmung bewegt wie der lyrische Bariton Chris­tian Gerhaher. Diese Widerspruchslosigkeit ist für ihn selbst freilich keine reine Freude, ja erfüllt ihn mit leichtem Misstrauen dem Publikum, vor allem aber sich selbst gegenüber.

Sollte seine Gesangskunst einem Trend entsprechen, gar «Mode» sein? Kein Gedanke wäre ihm schrecklicher als dieser, ist es doch sein ganzes Streben, nur dem Anspruch der Kunst und seinem eigenen musikalischen Ethos zu folgen, die Gesetze des  «Markts» und der Eventkultur, die ihn mit nichts als Ekel erfüllen, zu durchkreuzen und im Sinne Nietzsches unzeitgemäß zu sein. Daher ist ihm sein steigender Erfolg – vor allem in der zurückliegenden Spielzeit, die wohl für ihn eine der wichtigsten war –, so sehr er ihn naturgemäß freut, ein wenig verdächtig, ja unheimlich. Möchte er sich durch ihn doch nicht von der strengen Bahn, die er, der Moralist der Kunst, sich vorgezeichnet hat, abgelenkt werden. Christian Gerhaher ist nun einmal ein Grübler und Skeptiker, der alles, was er singt, hinterfragt – auch und vor allem sich selbst und seinen Gesang.

Bei den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2010
Rubrik: Sänger des Jahres 2010, Seite 10
von Dieter Borchmeyer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Tradition und Revolution

Liebermann: Sie greifen die Opernhäuser an und meinen die Autoren. Die Tatsache, daß die Komponisten Ihrer Ansicht nach keine Werke geschrieben haben, die die Musik weiterbringen oder bedeutungsvoll sind, heißt doch nicht, daß deswegen die Opernhäuser in die Luft gesprengt werden müßten. Die Komponisten sollten dann eher dran glauben; denn die Opernhäuser können ja...

Kinder, macht Neues!

Der Streit um Sinn oder Unsinn, vergessene Opern «auszugraben», ist so alt wie dieser Versuch selbst. Als das Nationaltheater Mannheim Carl Orff 1925 die Möglichkeit gab, Monteverdis «Orfeo» für das lebendige Theater zurückzugewinnen, war der Erfolg entmutigend. Zur Premiere waren zwar Musiker, Musikwissenschaftler, Intendanten und Spezialis­ten aus dem ganzen...

Mode im Foyer und Cantophonübungen


Mode im Foyer

Neuer Stil in der Herren-Mode und ein ernstzunehmender Vorschlag über ein so genanntes «ever-jacket» – das also auch im Theater getragen werden sollte –, ermutigen mich, an dieser Stelle wieder – wie im Januar – die Herren-Mode im Foyer zu besprechen. Damit erledigen sich die mir zugegangenen Anfragen über die Preise allzu kostspieliger Garderobe fürs...