Der Sinn des Lebens
Ein Satz wie ein Keulenschlag: «Die Menschen sterben und sind nicht glücklich.» Der ihn verkündet, kurz nachdem seine geliebte Schwester Drusilla gestorben ist, kreist selbst zeitlebens um ihn – zumindest in Detlev Glanerts «Caligula», das, frei nach Camus’ gleichnamigem (existenzialistischen) Drama, den Verfall eines Menschen zeichnet, der sich im Angesicht des tragischen Verlusts der Absurdität allen Daseins bewusst wird. 2006 in Frankfurt uraufgeführt und seitdem immer wieder an anderen Opernhäusern gegeben, feierte die Oper nun am Deutschen Nationaltheater Weimar Premiere.
Kaum ist das Unglück geschehen, verschwindet Caligula für drei Tage, um als veränderter Mann wieder aufzutauchen. Von nun an will er den Menschen um sich herum verdeutlichen, was ihm während seiner Absenz klar geworden ist: Das Leben ergibt keinen Sinn. Also erfindet er absurde Gesetze, lässt ohne Grund Unschuldige hinrichten, verletzt, vergewaltigt, wütet wahllos, erliegt schließlich dem Wahn. Glanerts Musik, die gleichsam als Blick ins Seelenleben seines Antihelden fungiert, fächert Caligulas Getrieben-Sein noch weiter auf. Ihr fehlt die Mitte, und das absichtsvoll. «Es gibt», so der Komponist, «in allen ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Katharina Stork
In der Querelle des Bouffons Anfang der 1750er-Jahre, so erzählt es jedes Musikgeschichtsbuch, standen die Vertreter der höfischen Tragédie lyrique hinter ihrer Führungsfigur Jean-Philippe Rameau unversöhnlich den Verfechtern einer progressiven, von italienischen Intermezzi inspirierten komischen Oper entgegen. Doch Geschichte zwingt besonders kluge Menschen...
Als Jordi Savall nach dem großen Lockdown im Mai 2021 erstmals wieder ein öffentliches Konzert gab, wählte er mit Haydns «Schöpfung» geradezu programmatisch ein optimistisch von der aufklärerischen Vernunft getragenes Werk weltzugewandter Frömmigkeit und humanen Diesseitsvertrauens. Denn anders als in den Oratorien des Barock steht im Zentrum von Haydns...
Ulrich Schreiber hatte, wie meist, recht. Verdis «Don Carlos» ist und bleibt das «Phantom einer Oper», ein «Hauptwerk des 19. Jahrhunderts», das aufgrund seiner vielen Fassungen immer wieder in anderer Gestalt auftritt. Auch in Basel. Die Neuproduktion beruft sich auf die Pariser Version von 1867, arbeitet aber mit Strichen und Modifikationen. Und so beginnt der...
