Der Schrei nach Freiheit
Eine Frau. Wenn man so will: eine ganz gewöhnliche Frau. 53 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, die aus dem Gröbsten, wie es so lapidar heißt, heraus sind, sowie ein Job, der zwar kaum die kühnsten Träume erfüllt, aber auch nicht so miserabel ist, dass man verzweifeln müsste. Immerhin ist Sylvie Meyer Supervisorin und als solche zuständig für die Produktionskontrolle, wenn auch nur in einem Unternehmen, das Gummi verarbeitet. Keine Insel der Glückseligen. Aber auch nicht die Hölle auf Erden. Sylvie könnte einiger -maßen zufrieden sein mit ihrem Leben.
Wären da nicht diese zwei Wunden, die sich einfach nicht verschließen wollen. Vor einem Jahr hat ihr Ehegatte sie verlassen, scheinbar grundlos, einfach so. Damit kann man umgehen, so toll war der Entwichene auch nicht. Nicht mal geweint hat sie seinetwegen. Und auch zur Wut reicht es nicht. Warum auch. Ist ja nur eine kleine Schürfung auf der Haut. Tiefer liegt die zweite Wunde. Als junge Frau ist Sylvie vergewaltigt worden, von einem Mann, der sich als väterlicher Freund ausgab, bevor er zum Scheusal wurde. Aus dieser «Scheißtraurigkeit» kommt sie nicht heraus. Richtig schlimm wird es in dem Moment, als Victor Andrieu, ihr Boss in ...
ZUKUNFTSMUSIK
Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.
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Opernwelt März 2024
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Virginie Germstein
Vom Märchen zur Satire ist es oft nur ein Trippelschritt: Als der russische Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold die Fabel «Die Liebe zu den drei Orangen» in die Finger bekam, ein quirliges Commedia-dell’Arte-Stück von Carlo Gozzi aus dem 18. Jahrhundert, erkannte er darin eine nachgerade perfekte Vorlage, um seine Idee vom antirealistischen Theater zu erproben....
Irgendwann treibt es sie fast alle dahin, die im deutsch-lyrischen Fach sozialisierten Taminos und Belmontes. Als ob der Lohengrin eine natürliche Karrierefolge wäre, so trudeln früh die Angebote ein für den angeblich «italienischsten» aller Wagner-Helden. Daniel Behle hat den Gralsritter seit einiger Zeit im Repertoire und ihn zuletzt in Amsterdam (sehr gut)...
Die Musik, die ich suche, ist mit dem Raum geschrieben: Sie ist in keinem Raum gleich, sondern arbeitet mit ihm», schrieb Luigi Nono mitten in der Entstehung seines «Prometeo», der im September 1984 als einziges Werk der Biennale Musica in Venedig uraufgeführt werden sollte. Das historische Unternehmen war Ergebnis einer außergewöhnlichen kollektiven künstlerischen...
