Der feine Unterschied
Herr Dusapin, von Nikolai Rimski-Korsakow ist die schöne Sentenz überliefert, Kunst sei «im Grunde die bezauberndste und hinreißendste Lüge». D’accord?
Die Kunst eine Lüge? Eine interessante Ansicht. Für mich ist Kunst, insbesondere Musik, die überwiegende Zeit dazu da, etwas zu verbergen.
Aber was?
Sich selbst, in meinem Fall also den Komponisten.
Wobei es für mich persönlich als passioniertem Leser eigentlich der naheliegendste Weg wäre, mein ganzes Leben – meine Traurigkeit, meine Melancholie, meine Kindheitserinnerungen, meine Liebe zu Frauen – durch Literatur zu erklären. Doch mit meiner Musik kann ich dasselbe erzählen, und niemand wird genau verstehen, was genau ich damit erzähle: ein enormer Vorteil. Auf einem Blatt Papier können Sie mit Noten unzählige persönliche Dinge, Affekte, Emotionen, Gefühle notieren, ohne dass sie gleich decodiert würden.
Aber steckt dahinter nicht die Idee, Ihre Persönlichkeit durch Ihre Musik womöglich zu «entlarven»?
Nein. Denn natürlich ist meine Musik einerseits Ausdruck meiner Persönlichkeit. Und doch verbergen sich darin viele Geheimnisse. Mein musikalischer «Vater» Iannis Xenakis erklärte alles mit Hilfe von hochgradig komplexen ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Interview, Seite 63
von Jürgen Otten
Es war ein nahezu genialer Schachzug des Countertenors, Regisseurs und Musikmanagers Max Emanuel Cenčić, das Branding «Bayreuth» und zugleich das von den Wagner-Festspielen kaum beanspruchte Markgräfliche Opernhaus für sein Festival «Bayreuth Baroque» zu nutzen. Erstmals im September 2020 den Covid-Wirrungen zum Trotz durchgezogen, war es von Beginn ein Erfolg. Im...
In seiner dem Libretto zugrunde liegenden Schauspielversion des antiken Stoffs hat Hugo von Hofmannsthal die Gestalt der Sophokleischen Elektra in eine moderne, vom Geist der nervösen Unrast des Fin de Siècle geprägte Figur verwandelt. Das Nietzsche und Freud zusammenzwingende Psychodrama zeigt sie als traumatisierte, von einem einzigen Wunsch besessene Frau: den...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Bei Julia Kocis verinnerlichtem «Lazarus» in Gottfried von Einems «Jesu Hochzeit» beim Festival Carinthischer Sommer.
Wo würden Sie ein Opernhaus bauen?
Dort, wo es stört.
Ihr Geheimrezept fürs Überleben während der Proben?
Wenn es ums Überleben geht: «Death is not the end».
Welche Oper halten Sie für überschätzt?
Jede,...
