Gefallene(r) Engel

Mussorgsky: Boris Godunow INNSBRUCK | TIROLER LANDESTHEATER

Opernwelt - Logo

Allein die fehlerhafte Übersetzung zeigt, wie fern uns die Figur ist. Gottesnarr, Jurodstwo, damit ist eigentlich der «Narr in Christo» gemeint, eine irdische Figur – mit mutmaßlich heißem Draht nach oben. Heiliger, verehrter und gefürchteter Außenseiter, Wahrheitskünder, verspotteter Gaukler – alles fällt in dieser Figur zusammen, bei Puschkin, auch bei Mussorgsky. In Innsbruck wankt ein gefallener Engel über die Bühne, ein wie ins weiße Brautkleid verschnürtes Wesen. Halb zieht er das Volk an rotblutigen Seilen hinter sich her, halb ist er dessen Marionette.

Später wird er über der Szene hängen und das Ende weissagen. 

Tenor Dale Albright macht daraus eine rätselhafte, nie keifende Charakterstudie, die so vieldeutig ist wie der ganze Abend. «Boris Godunow» auf dem Spielplan – vor einigen Monaten musste sich die Scala dafür rechtfertigen. Und wenn, so tönte es aus den Empörungsblasen, dann solle sich zumindest die Regie mit allfälligen szenischen Kommentaren, am liebsten mit Distanzierung dazu verhalten. Nichts dergleichen am Tiroler Landestheater. Die Aufführung, man spielt wie fast überall die Urfassung von 1869, führt den Beweis, dass dieses Stück auch ohne ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Träumerische Magie

Die Cavatine des Georges Brown aus Boieldieus 1825 uraufgeführter Oper «La Dame blanche» ist – wie der ungleich bekanntere Schlager des Chapelou aus Adams «Le postillon de Lonjumeau» – ein Testfall für die Eleganz, Höhensicherheit und stilistische Eloquenz, dem seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts kaum ein Tenor mehr gewachsen war. Für Cyrille Dubois bildet sie den...

Matte Scheiben

Ein Wiener Lokalderby mit drei Premieren an drei Häusern, zwei davon mit Werken des Repertoires, eine davon als Uraufführung: Der März brachte die Fortsetzung des Mozart-Da-Ponte-Zyklus mit «Le nozze di Figaro» an der Staatsoper in der Inszenierung von Barrie Kosky, mit Philippe Jordan am Pult; am Musiktheater an der Wien blickte Regisseur David Marton mit...

Und sie findet sich nicht

In seiner dem Libretto zugrunde liegenden Schauspielversion des antiken Stoffs hat Hugo von Hofmannsthal die Gestalt der Sophokleischen Elektra in eine moderne, vom Geist der nervösen Unrast des Fin de Siècle geprägte Figur verwandelt. Das Nietzsche und Freud zusammenzwingende Psychodrama zeigt sie als traumatisierte, von einem einzigen Wunsch besessene Frau: den...