Gefallene(r) Engel
Allein die fehlerhafte Übersetzung zeigt, wie fern uns die Figur ist. Gottesnarr, Jurodstwo, damit ist eigentlich der «Narr in Christo» gemeint, eine irdische Figur – mit mutmaßlich heißem Draht nach oben. Heiliger, verehrter und gefürchteter Außenseiter, Wahrheitskünder, verspotteter Gaukler – alles fällt in dieser Figur zusammen, bei Puschkin, auch bei Mussorgsky. In Innsbruck wankt ein gefallener Engel über die Bühne, ein wie ins weiße Brautkleid verschnürtes Wesen. Halb zieht er das Volk an rotblutigen Seilen hinter sich her, halb ist er dessen Marionette.
Später wird er über der Szene hängen und das Ende weissagen.
Tenor Dale Albright macht daraus eine rätselhafte, nie keifende Charakterstudie, die so vieldeutig ist wie der ganze Abend. «Boris Godunow» auf dem Spielplan – vor einigen Monaten musste sich die Scala dafür rechtfertigen. Und wenn, so tönte es aus den Empörungsblasen, dann solle sich zumindest die Regie mit allfälligen szenischen Kommentaren, am liebsten mit Distanzierung dazu verhalten. Nichts dergleichen am Tiroler Landestheater. Die Aufführung, man spielt wie fast überall die Urfassung von 1869, führt den Beweis, dass dieses Stück auch ohne ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Markus Thiel
Diese «Tristan und Isolde»–Produktion besitzt unbestreitbare musikalische Qualitäten. Samuel Sakker, der kürzlich an der Seite von Dorothea Röschmann in Nancy als Tristan debütierte, hat seither noch an Souveränität gewonnen. Vor allem der dritte Aufzug mit den sehnenden Fieberfantasien geriet ihm jetzt mustergültig – von der Wortverständlichkeit über die mühelosen...
Über den Köpfen des Publikums fliegen die Fetzen, man sitzt mitten im Kreuzfeuer verfeindeter ästhetischer Positionen. Regisseur Guillermo Amaya hat die gegnerischen Lager in seiner Heidelberger Inszenierung auf den Treppen des Zuschauerraumes und an der Bühnenrampe postiert. Komische, Tragische, Lyrische und Hohlköpfe liefern sich einen furiosen Schlagabtausch. In...
Der Staatsoper Berlin kann man regieseitig in Sachen Mozart für das vergangene Jahrzehnt nicht gerade ein brillantes Zeugnis ausstellen. Angefangen von einer der schwächsten Arbeiten des späten Hans Neuenfels («La finta giardiniera», 2012) – damals noch in der Ausweichspielstätte Schiller-Theater – zog sich das optische, bewegungsmäßige und konzeptuelle Unglück...
