Gefallene(r) Engel
Allein die fehlerhafte Übersetzung zeigt, wie fern uns die Figur ist. Gottesnarr, Jurodstwo, damit ist eigentlich der «Narr in Christo» gemeint, eine irdische Figur – mit mutmaßlich heißem Draht nach oben. Heiliger, verehrter und gefürchteter Außenseiter, Wahrheitskünder, verspotteter Gaukler – alles fällt in dieser Figur zusammen, bei Puschkin, auch bei Mussorgsky. In Innsbruck wankt ein gefallener Engel über die Bühne, ein wie ins weiße Brautkleid verschnürtes Wesen. Halb zieht er das Volk an rotblutigen Seilen hinter sich her, halb ist er dessen Marionette.
Später wird er über der Szene hängen und das Ende weissagen.
Tenor Dale Albright macht daraus eine rätselhafte, nie keifende Charakterstudie, die so vieldeutig ist wie der ganze Abend. «Boris Godunow» auf dem Spielplan – vor einigen Monaten musste sich die Scala dafür rechtfertigen. Und wenn, so tönte es aus den Empörungsblasen, dann solle sich zumindest die Regie mit allfälligen szenischen Kommentaren, am liebsten mit Distanzierung dazu verhalten. Nichts dergleichen am Tiroler Landestheater. Die Aufführung, man spielt wie fast überall die Urfassung von 1869, führt den Beweis, dass dieses Stück auch ohne ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Markus Thiel
Seit 2019 findet im Konzertsaal «Sarjadje» direkt neben dem Kreml das «Gergiev-Festival» statt, mit konzertanten Opernaufführungen und Symphoniekonzerten durch Orchester, Chor und Solisten des Mariinsky-Theaters. Das Publikum schätzt das Repertoire und die ausgezeichnete Qualität der Darbietungen. Das Ganze hat nur einen Haken: Das Programm wird frühestens eine...
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