Der Außenseiter im Zentrum
Mit dem Schlagwort «Jahrhundertfigur» sollte man behutsam umgehen. Trotzdem fällt es schwer, bei Pierre Boulez nicht der Assoziation zu verfallen, hat er doch seit den 40er-Jahren vielfältig die Musikkultur beeinflusst, vorangetrieben, Ideal und Wirklichkeit auch politisch in Bewegung versetzt. Doch zur Galionsfigur taugt er nicht, hat dies sogar einmal programmatisch deklariert: «Die Musik soll so persönlich sein, dass sie schließlich eine geschichtliche Epoche zu bestimmen, zu umschreiben vermag – das heißt, dass sie eine glorreiche – und eine stolze – Anonymität erreicht.
» Hohes Selbst-, ja Sendungsbewusstsein spricht aus diesem Satz, aber auch eine Zurücknahme der Subjektivität: Über seine Person, gar die private, ist wenig bekannt; als habe er systematisch die Spuren verwischt. Was in seltsamem Widerspruch steht zur außerordentlichen Distinktheit seines Komponierens, Dirigierens, Formulierens, sogar scharfen Attackierens – nicht zuletzt im «Spiegel»-Interview von 1967 mit der berüchtigten Überschrift «Sprengt die Opernhäuser in die Luft». Das hatte Boulez natürlich nicht vor, er meinte nur, die Institution sei in vieler Hinsicht so verkrustet, dass sie lebendiges Musiktheater ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Pierre Boulez, Seite 30
von Gerhard R. Koch
An Giuseppe di Stefano, Carlo Bergonzi oder Alfredo Kraus sollte man nicht denken, wenn Juan Diego Flórez (42), von schreckensschwarzen Chorrufen bedrängt, am Gran Teatre del Liceu in Barcelona zum ersten Mal Lucia in den Bühnentod folgt. Elena Mosuc, bzw. ihr Stuntfrau-Double, ist in der aus Zürich übernommenen «Lucia di Lammermoor» des Pereira-Schützlings Damiano...
«Was zählt, ist die Transgression, die Überschreitung. Man muss immer weiter gehen», sagte Pierre Boulez 2003 im «Opernwelt»-Gespräch. Damals war er noch beinahe alterslos, strotzte vor Elan. Als wir ihn zehn Jahre später in Luzern wiedertrafen, ahnten wir, dass die Kräfte zu schwinden drohten – geistig wirkte er hellwach, doch körperlich geschwächt. Am 5. Januar...
Der Mannheimer Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch hat ein Buch geschrieben, das das Richard-Wagner-Jubel-Jahr 2013 geziert hätte. Indirekt entlarvt es im Nachhinein viele der kalkuliert zum 200. Geburtstag entstandenen Publikationen als Schnellschüsse, als muskelschlaffe biografische Klimmzüge: Wagners Frauen, Wagner als Revoluzzer, Wagner «Mit den...
