Denkbilder
Für das immer heikle Ende, den von schlimmstem Des-Dur-Dröhnen begleiteten Einzug der Götter in ihr neues, so teuer erkauftes Heim Walhall, findet Romeo Castellucci, der für Regie, Ausstattung und Licht verantwortlich zeichnet, ein verblüffend einleuchtendes Bild: Wotans Gesellschaft, in weiß wallenden Sektengewändern, tritt nacheinander an ein großes schwarzes Loch in der Bühnenmitte und lässt sich nach kurzer Besinnung rücklings hineinfallen; einfach weg. Keine schlechte Lösung, das Geschehen mutet ohnehin zunehmend kosmisch an.
Es gibt, im ersten Teil des neuen «Ring» an Brüssels Théâtre de la Monnaie, noch andere seltsame Zeremonien zu bestaunen, und manches bleibt einfach rätselhaft: ein schwebender Plastikstuhl, ein kopfloser Buddha, ein krachend vom Himmel stürzendes Riesenkrokodil (als Fafner Fasolt erschlägt, der erste Mord in diesem Krimi), eine bestimmt ausgefuchste Semantik von Schwarz und Weiß, nun gut. Stark auch der Anfang: Noch bevor das epochale Kontra-Es den Beginn von allem und den Anfang vom Ende dieser Welt imaginiert, dreht sich ein Ring wie ein überdimensionierter metallischer Hula-Hoop-Reifen im Halbdunkel, erst langsam, dann scheppernd immer schneller, ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 5
von Holger Noltze
Eigentlich ist die Causa sternenklar. Franz Schubert komponierte seine mehr als 600 Lieder für Stimme und Klavier. Dennoch fühlten und fühlen sich zahlreiche Komponisten und Arrangeure nach seinem Dahinscheiden dazu berufen, die Originalwerke zu orchestrieren – die Liste reicht von Johannes Brahms und Jacques Offenbach über Max Reger, Benjamin Britten und Anton...
Es ist kurz vor eins, die Sonne bricht sich soeben durch die Wolken (aber das wissen wir erst später), da geschieht das Unumgängliche: der berühmte Kafka-Moment. Tränen auf der Leinwand, Tränen im Jeremy Hynes Theatre. Man kann weder das eine noch das andere verhindern. Aber was ist das auch für ein Film, dessen Ende so berührend, dessen Geschichte aber so grausam...
Zweimal eine Staatstheater-«Carmen» im Abstand von 170 Kilometern Luftlinie, zwei ehrgeizige Ansätze: der eine spektakulärer, der andere näher dran. Beide Abende, so unterschiedlich sie sind, blenden das Thema Tod so weit aus, wie es möglich ist, wenn in einer Oper alles auf den Tod hinausläuft. Und weder da noch dort, das ist konsequent, wird es auch nur für einen...
