Die Fantasien sind frei
Zweimal eine Staatstheater-«Carmen» im Abstand von 170 Kilometern Luftlinie, zwei ehrgeizige Ansätze: der eine spektakulärer, der andere näher dran. Beide Abende, so unterschiedlich sie sind, blenden das Thema Tod so weit aus, wie es möglich ist, wenn in einer Oper alles auf den Tod hinausläuft. Und weder da noch dort, das ist konsequent, wird es auch nur für einen Moment still, wenn der Torero Bizets Gassenhauer singt, der doch im Zusammenhang seine existenzielle Wucht zurückgewinnen kann. Einmal denkt Carmen im Übrigen gar nicht daran, sich umbringen zu lassen.
Die spektakulärere Variante ist am Staatstheater Kassel zu erleben. Das liegt vor allem an der Eröffnung der «Antipolis», der neuen Zuschauerinstallation, die in den Theaterraum hineingebaut wurde. Wie ein riesiges bestuhltes Baugerüst auf drei Ebenen rahmt sie Hauptbühne und Seitenbühnen (herkömmliche Saalplätze gibt es aber auch). In der Mitte eine Fläche, auf der vor dem Orchester gespielt werden kann, weitere Spiel -nischen gibt es in der Installation. Es braucht Bildschirme, Kameraleute sind unterwegs. Dass auch der Gesang teils (dezent) verstärkt wird, dürfte unvermeidlich sein. «Antipolis» ist die weit opulentere ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 20
von Judith von Sternburg
Frau Mijnssen, von dem ungarisch-jüdischen Schriftsteller Imre Kertész stammt die bemerkenswerte Sentenz, nur Kunst, die Wunden weitergibt, sei etwas wert. Was denken Sie, hat Kertész recht?
Das ist ein richtig schöner Satz, großartig. Er berührt mich sehr, nicht zuletzt auch, weil Kertész damit wunderbar zum Ausdruck bringt, was ich in jeder meiner...
Was Wahrheit sei? Wirklichkeit? Nicht erst Friedrich Nietzsche war felsenfest davon überzeugt, dass es keine Fakten gebe, sondern nur Interpretationen. Auch andere Denker, Dichter wie Philosophen, hatten ihre Zweifel an der normativen Kraft des Realen. Realität, das war immer auch etwas, das sich ein jeder für seine eigenen Zwecke zurechtzimmerte. Was das bedeutet,...
Blumen-Duett» und «Glöckchen-Arie»: Zwei populäre Nummern aus Léo Delibes’ «Lakmé» behaupten sich auch in den einschlägigen Internet-Musikkanälen. Im Gegensatz zur Oper, die zumal im deutschsprachigen Theater ein Schattendasein fristet. Schwülstige «exotische Idylle» à la française? Jetzt könnte die Zeit reif sein für einen neuen Blick auf «Lakmé». Thematisiert die...
